Heute Morgen habe ich hier etwas ganz Imposantes gesehen", berichtet die Büroangestellte Hedwig Brosterhues am 28. Januar 1918 in einem Brief aus Hamburg an ihren Freund, der Soldat an der Front ist. "Vor ungefähr einer Stunde kommt mein Chef ganz atemlos an die Tür und sagt: 'Sehen Sie mal dort unten die streikenden Arbeiter.' Wir natürlich gleich ans Fenster. Da zog eine riesig lange Reihe von Arbeitern und Arbeiterinnen durch die Mönckebergstraße anscheinend nach dem Gewerkschaftshaus (...) Ich kann Dir sagen, als ich das sah, diesen Zug ernster Arbeiter und Frauen, so still und geschlossen durch die Straßen ziehen, da ging es mir ordentlich wie ein Jubel durch und durch."

Am Morgen des 28. Januar sind die mehr als 9.000 Beschäftigten der Vulcan-Werft – nach Blohm & Voss die größte Hamburger Werft – wie üblich zur Frühschicht erschienen. Sie arbeiten bis zur Frühstückspause. Danach kehren sie nicht mehr an ihre Arbeitsplätze zurück, sondern verlassen in großen Trupps das Werftgelände. Weder die Leitung des Unternehmens noch die Spitzel der politischen Polizei haben die leisesten Anzeichen eines bevorstehenden Streiks bemerkt. Die Arbeiter müssen sich spontan verständigt haben. In dicht geschlossenen Reihen ziehen sie von den Landungsbrücken schweigend durch die Straßen bis zum Gewerkschaftshaus am Besenbinderhof. Der große Saal ist schnell überfüllt; Tausende finden keinen Einlass mehr.

In der Versammlung kommt eine lang angestaute Erbitterung zum Ausdruck. Seit Beginn des Ersten Weltkriegs verzichten Sozialdemokratie und Gewerkschaften weitgehend auf politische Auseinandersetzungen und Arbeitskämpfe, um die Kriegführung des Deutschen Reichs nicht zu behindern. Inzwischen haben sich in Hamburg unter der Hülle dieses "Burgfriedens" die gesellschaftlichen Spannungen verschärft. Das liegt vor allem an den schweren Belastungen, die der Krieg der Arbeiterschaft aufbürdet. Lebensnotwendige Güter, vor allem Nahrungsmittel, werden immer teurer, die Löhne können nicht Schritt halten. In vielen Familien wird gehungert. Lange Schlangen vor den Geschäften gehören zum Alltagsbild. Noch aufreizender als die Teuerung selbst wirkt die ungerechte Verteilung. "Die schönen Reden vom Durchhalten gelten nur für die arbeitende Klasse, die herrschende Klasse hat sich mit ihrem Geldsack schon genügend versorgt", klagt eine Hamburger Arbeiterin.

Je länger der Krieg dauert, desto mehr verbindet sich die Empörung über die wirtschaftliche Not mit dem Verlangen nach Frieden. Mobilisierend wirkt das Beispiel der russischen Revolution 1917. "Wir müssen es nur machen wie in Russland, dann wird es auch bald anders werden", solche Äußerungen fangen die Spitzel der politischen Polizei auf, die sich in die Schlangen vor den Lebensmittelläden mischen.

Geradezu als Provokation empfinden es viele kriegsmüden Hamburger, dass die im September 1917 gegründete Deutsche Vaterlandspartei ungehindert für Annexionen und "Siegfrieden" werben darf, während alle Kriegsgegner unnachsichtig verfolgt werden. Außerdem macht der Senat keine Anstalten, das Klassenwahlrecht, das die wohlhabenden Bürger privilegiert, zu reformieren.

Anfang Januar 1918 spitzt sich die Lage weiter zu. Die Arbeiter befürchten nicht ohne Grund, die deutschen Militärs könnten um maßloser Kriegsziele willen die Friedensverhandlungen mit dem revolutionären Russland in Brest-Litowsk scheitern lassen. Als Antwort darauf gehen in Hamburg und anderen deutschen Großstädten Ende Januar Hunderttausende Arbeiter auf die Straße.

Am 29. Januar schließen sich die Belegschaften von Blohm & Voss, der Reiherstieg-Werft und einiger kleinerer Werften sowie die Zuliefererbetriebe der Metallindustrie dem Ausstand an. Mehr als 20.000 Arbeiter streiken. In einer Großversammlung im Gewerkschaftshaus am Vormittag zeigt sich, worum es der Bewegung geht. Als der Sprecher des Arbeiterausschusses von Blohm & Voss erklärt, es seien "keine politischen Motive", sondern "rein wirtschaftliche Gründe" gewesen, die zur Arbeitseinstellung geführt hätten, notiert der überwachende Polizeibeamte: "Rufe: Nicht wahr!" und "Große Unruhe". Ein Arbeiter spricht aus, was viele denken: "Was uns hierhergezogen hat, sind ideelle Gründe (...) Wir kämpfen für alle, die den Krieg hassen." Ein anderer Arbeiter ruft unter stürmischem Beifall aus: "Wir sollen nicht sagen dürfen, was uns hierherführt: Wir wollen Frieden, Freiheit und Recht."

Diese Motivation findet sich auch in den beiden Resolutionen wieder, die von der Versammlung verabschiedet werden. Darin wird die "Herbeiführung eines sofortigen Friedens ohne Annexionen" verlangt und der Senat aufgefordert, dem "gefährlichen Treiben" der Vaterlandspartei Einhalt zu gebieten.

Der Ernst, den die Arbeiter auf ihren Demonstrationszügen durch die Stadt an den Tag legen, verfehlt nicht die Wirkung auf das hanseatische Bürgertum. In der bürgerlichen Presse werden die Streikenden einhellig als "Vaterlandsverräter" verunglimpft. Man dürfe nicht zulassen, heißt es in den Hamburger Nachrichten, dass "die Ergebnisse einer ungeheuren Volksleistung im Felde und daheim kurz vor dem Enderfolg" gefährdet würden. Deshalb müsse "die Staatsgewalt mit Entschiedenheit durchgreifen".

Der stellvertretende kommandierende General im damals noch preußischen Altona, Adalbert von Falk, der im Krieg die vollziehende Gewalt auch in der Hansestadt ausübt, braucht eine solche Aufforderung nicht. In einem Telefongespräch mit dem Werftbesitzer Hermann Blohm erklärt er am Vormittag des 29. Januar, es müsse "jetzt das Militär eingreifen, um unter allen Umständen die Ordnung aufrechtzuerhalten". Am selben Tag wird für Hamburg, Altona und Wandsbek die Einsetzung außerordentlicher Kriegsgerichte verkündet. Sie sollen "Ruhestörer sofort unschädlich machen".