Das Vorhaben klingt groß, sogar ein wenig größenwahnsinnig. Anders lässt sich eine Umfrage nicht beschreiben, bei der in 120 Ländern je tausend Jugendliche zwischen 10 und 29 Jahren in Einzelinterviews befragt werden sollen. Und das alle drei Monate.

Doch genau das ist der Plan, der von den Vereinten Nationen initiierten Stiftung namens United Nations Global Sustainability Index Institute (UNGSII). Ziel der Stiftung ist, auf diesem Wege zu überprüfen, ob die sogenannten Ziele für nachhaltige Entwicklung umgesetzt werden. Diese wurden 2015 von allen 191 Regierungschefs der Welt in der UN-Vollversammlung beschlossen. Sie umfassen Punkte wie "Bildung für alle", "Ernährung sichern" oder "Gleichstellung der Geschlechter". Roland Schatz, Gründer der UNGSII und Berater bei den UN, fasst die Idee hinter der Umfrage so zusammen: "Wir wollen Transparenz schaffen, wie diejenigen, für die diese Ziele definiert wurden, darüber denken. Und ob sie glauben, dass sie in ihrem Land Wirklichkeit werden können." Dass die Befragung alle drei Monate stattfinden solle, helfe bei dieser Verwirklichung. "So haben wir einen Index, der Druck auf die Regierungen ausübt."

Im März soll die erste Umfrage unter dem Titel "Global Youth Poll" (Globale Jugendumfrage) durchgeführt werden. Zuvor werden Ergebnisse eines Umfrage-Testlaufs auf dem Weltwirtschaftsgipfel in Davos am 25. Januar präsentiert. Der ZEIT liegen schon jetzt exklusiv die Auswertungen für die ersten elf befragten Länder vor, darunter Deutschland, die USA, die Schweiz, Vietnam und Südafrika.

Während fast die Hälfte der Jugendlichen mit überwiegend positiven Gefühlen auf das Jahr 2017 zurückblickte, fielen die Antworten in anderen Bereichen unerfreulicher aus. Etwa bei der Bildung. Mehr als ein Drittel aller Befragten fühlt sich in der Schule nicht wohl. Negativer Spitzenreiter ist dabei die USA mit 44 Prozent, doch auch Deutschland liegt mit 37 Prozent knapp über dem Durchschnitt. Dies sei alarmierend, schreiben die Forscher in ihrem Bericht. Schließlich sei es weltweit gesellschaftlicher Konsens, dass lebenslanges Lernen die einzige Möglichkeit sei, ein unabhängiges, erfolgreiches Leben zu führen.

Einen Grund für das Ergebnis konnten die Forscher schon ausmachen: der oftmals (zu) lange Weg zur Schule. So benötigen 28 Prozent der deutschen Jugendlichen mehr als eine halbe Stunde, um zur Schule zu kommen. 30 Prozent sind sogar eine Stunde unterwegs. Die Zahlen der übrigen Länder weichen davon nicht signifikant ab.

Die Interpretation dieser Ergebnisse durch die Studienautoren ist ein Beispiel dafür, welche Möglichkeiten der Datensatz politisch eröffnet. So erklären die Forscher, dass die Jugendlichen durch kürzere Schulwege mehr Sport treiben können. Daher seien Investitionen in die Infrastruktur zukünftig auch als Beitrag für die öffentliche Gesundheit zu sehen. Der UNGSII-Gründer Roland Schatz drückt es so aus: "Solche Versäumnisse kann sich kein Land auf Dauer leisten: Der US-Bundesstaat Kalifornien zahlt schon heute jedes Jahr 19 Milliarden Dollar, um mit den Folgen der Fettleibigkeit seiner Bevölkerung fertigzuwerden."

Damit diese Botschaften auch wahrgenommen werden, haben die UN veranlasst, dass die Ergebnisse jedes Jahr von den Jugendlichen in ihren nationalen Parlamenten vorgetragen werden dürfen. "Wir sind der Wadenbeißer, der für Öffentlichkeit sorgt", beschreibt Roland Schatz die Rolle der Stiftung.