Hanna Jacobs, 29, ist Vikarin im niedersächsischen Selsingen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Was würde Günter Wallraff wohl auffallen, wenn er sich statt in eine Fabrik mal in die Kirche einschleusen würde? Dafür brauchte er sich nicht einmal groß zu verkleiden, er ginge locker als Kirchenvorsteher oder Dekan durch. Nach dem ersten Finanzausschuss wäre er vermutlich erstaunt, wie viel selbst die Sanierung einer gerade mal mittelmäßigen Orgel kostet. Etwas länger würde es dauern, bis ihm auffiele, wie stark die gegenwärtige kirchliche Kultur von Neid geprägt ist.

Die Katholiken sehen im Neid traditionell eine Todsünde. Während die Faulheit in Zeiten des Burn-out langsam rehabilitiert wird, bleibt der Neid ein verpöntes, unangenehmes Gefühl. Deswegen gestehen wir ihn uns auch ungern ein, erst recht nicht, wenn er sich auf unsere christlichen Geschwister bezieht. Doch wer auch ganz profan Bruder oder Schwester in der Familie hat, weiß, dass gerade der Vergleich mit denen, die einem nah sind, neidisch machen kann. Und so schielt man zur Nachbargemeinde mit den modernen Räumlichkeiten oder zur Kollegin, die gerade den Karrieresprung geschafft hat, an dem man selbst gescheitert ist.

Der Pfarrer, der allsonntäglich zu der kleinen Schar predigt, kann sich selten von Herzen mit dem freuen, dessen Kirche voll ist. Schnell werden Gründe gesucht, warum der besser ankommt. Im Zweifelsfall ist er theologisch einfach nicht so vielschichtig, und dann ist das ja kein Wunder, dass die Leute zu dem gehen. Wir – und das ist nicht bloß ein pädagogisches Wir, sondern auch ein Eingeständnis – sind insgeheim neidisch auf das gut situierte Einzugsgebiet (Spenden und Geige spielende Konfirmandinnen!) und die erfolgreiche Kantorei, in der Menschen aus dem ganzen Stadtgebiet singen.

Ähnlich wie bei Schulen hält man sich zunehmend nicht mehr einfach zu der Gemeinde um die Ecke, sondern geht dorthin, wo man sich am wohlsten fühlt. Nicht wenige kirchliche Mitarbeiter sind pikiert und nehmen es den Kollegen übel, wenn die "ihre" Gemeindeglieder abwerben. Gerade in einem Klima, wo der Mangel an Geld, Personal oder Perspektive vielerorts Dauerthema ist, nagt der Neid umso mehr.

Wenn eine andere Pfarrgemeinde so offensichtlich beliebter ist, verliert man ein paar Einheiten der Währung, die mehr entschädigt als das Einkommen: Anerkennung. Sie ist ein zutiefst menschliches Bedürfnis und Neid eine allzu bekannte Reaktion, wenn andere mehr davon bekommen. Das fing schon bei Kain und Abel an, und wir wissen alle, dass das böse endete. Auch die Zehn Gebote erinnern daran, dass man bitte bloß nicht die Besitztümer und Erfolge begehren soll, die einem anderen vergönnt sind. Daran zu scheitern ist allerdings fast unausweichlich.

Bleibt zu hoffen, dass der Enthüllungsjournalist lange genug recherchieren würde, um zu merken, dass es in der Kirche trotz Neid letztlich um viel mehr geht als das, was wir tun oder haben.