Kurden sind immer die Verlierer; das ist ein eisernes Gesetz. Seit fünf Jahrhunderten werden sie von den umliegenden Großmächten zerquetscht – seit Osmanen und Perser sie massakrierten und "ethnisch säuberten". Jetzt wiederholt sich die Geschichte. Die Iraker gingen schon im Herbst auf die Kurden los und kassierten die Ölfelder von Kirkuk. Nun setzen die Türken in Syrien nach.

Die Russen machen mit, indem sie den Luftraum freigeben. Washington schaut verschämt zu, wie seine treuesten Verbündeten attackiert werden. Dabei hat Amerika die größte Bringschuld. Denn im Krieg gegen den IS wäre seine Air Force ohne den opferreichen Einsatz kurdischer Bodentruppen nicht weit gekommen.

Außenminister Tillerson konnte sich nur zu einem müden Protest durchringen, um zugleich Ankaras "legitime Besorgnisse über einsickernde Terroristen" zu betonen. Pentagon-Chef Mattis dankte gar für die Überlassung des Flugstützpunkts Incirlik im Kampf gegen den IS.

Die Deutschen müssen den Sultan von Ankara bei Laune halten

Der Verrat hat einen langen Vorlauf. In den Siebzigern bewaffneten die USA die Kurden im Irak; sie sollten Saddam Hussein in den Rücken fallen, der mit dem Schah, dem besten Freund Amerikas, um die Vorherrschaft rang. Plötzlich vertrug der sich mit Saddam, und Washington ließ die Kurden fallen. Der Mohr hatte seine Schuldigkeit getan, es folgte ein Blutbad. Damals wie heute das vertraute Spiel. Die Kurden bleiben eingezwängt zwischen Syrien, dem Iran, Irak und der Türkei. Neu ist bloß, dass Putin als Fünfter im Hintergrund den Takt angibt.

Die Moral? Wer einen Staat will, sollte sich keine Gegend aussuchen, die von vier mächtigen Rivalen beherrscht wird. Die mögen sich zwar spinnefeind sein, wollen aber die Unabhängigkeit ihrer Kurden um jeden Preis verhindern. Gewiss darf man der kurdischen Führung allerlei Fehler ankreiden. Zum Beispiel das Unabhängigkeitsreferendum in Irak-"Kurdistan" im September, das ringsum die Alarmsirenen aufheulen ließ.

Gibt es erst einen Kurden-Staat, wird er die Brüder in den Nachbarländern aufstacheln oder sein Gebiet weiter arrondieren – von der Türkei bis zum Iran. Es droht der Dominoeffekt! Lupenreine Demokraten sind die Kurden auch nicht, wie das Beispiel YPG zeigt, die sich einen autoritären Ministaat in Nordsyrien zusammengeschustert hat.

Dennoch: Das mächtigste Motiv für den Verrat ist die Realpolitik. Russland: Putin will Ankara aus dem Westen herauslösen; folglich die Öffnung des syrischen Luftraums; folglich der Verkauf des modernsten Luftabwehrsystems S-400. Ebenso nützlich ist es, das Band zwischen Amerika und dem kurdischen Verbündeten zu kappen, was Washingtons Position in Nahost schwächt. Übrigens glaubt der YPG-Befehlshaber Sipan Hemo, dass auch die Russen "uns verraten und verkauft haben".

Irak: Hier reckt sich der Iran, der Hauptgegner der USA, der mit seiner Al-Kuds-Brigade und Hisbollah bis ans Mittelmeer vorgedrungen ist und Amerika aus dem Irak zu verdrängen sucht. Logisch, dass Trump die Kurden im Nordirak fallen ließ. Bagdad ist wichtiger als Kirkuk. Iran zu stoppen wiegt schwerer, als die Kurden für ihren Anti-IS-Einsatz zu belohnen.

Die Europäer: Die Deutschen erregen sich über den Einsatz ihrer Waffen, ehren aber ihre Interessen. Der Sultan von Ankara bewacht das Einfallstor für Flüchtlinge; der Mann muss bei Laune gehalten werden. Also Protest sotto voce.

Ein Blick nach vorn in eine Region, die noch jede Prophezeiung zunichte gemacht hat. Die Regie führt zurzeit Erdoğan, der eine neue Front im Krieg aller gegen alle eröffnet hat. Vielleicht will er bloß bis Afrin nahe Aleppo vorstoßen. Doch Erfolg macht Appetit. Die nächste Etappe wären die Hauptgebiete der Kurden im Osten Syriens. Für die wäre es ein wütender Überlebenskampf. Dort stehen zudem US-Truppen. Ob Erdoğans Größenwahn das kühle Kalkül überwältigt? Es wäre eine Dummheit sondergleichen.

Die Kurden sind so oder so wieder die Verlierer. US-Diplomaten spekulieren auf ein neues Spiel. Sie wollen Erdoğan davon überzeugen, dass die Kurden ein gutes Bollwerk gegen den Iran abgäben. Die Geschichte flüstert, dass die Kurden sich einspannen lassen, um doch noch mit einem Staat belohnt zu werden. Leider besagt die auch, dass sie abermals fallen gelassen werden.

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