DIE ZEIT:  Frau Dreyer, angenommen, die SPD hätte morgen einen neuen Parteivorsitzenden. Was wäre dann anders?

Malu Dreyer: Wir haben Martin Schulz erst vor sechs Wochen als Parteichef wiedergewählt, mit beachtlichem Ergebnis. Das Misstrauen gegen die große Koalition, das wir auf dem Parteitag gespürt haben, entzündet sich nicht am Vorsitzenden.

ZEIT: Woher kommt dieses Misstrauen?

Dreyer: Unsere Mitglieder haben nicht vergessen, dass man ihnen 2013 versprochen hatte, die SPD werde gestärkt aus der großen Koalition kommen. Das war dann ja bekanntlich anders. Mit Worten allein werden wir die SPD-Basis diesmal nicht überzeugen können.

ZEIT: Wie dann?

Dreyer: Viele befürchten, dass eine Neuauflage der großen Koalition zulasten der versprochenen Erneuerung der SPD geht. Juso-Chef Kevin Kühnert hat diese Befürchtung in seiner Rede ja in ein knackiges Bild gepackt: Die SPD wäre dann wieder der Pressesprecher der Groko. Dass wir als Juniorpartner nicht sichtbar sind, dass unser Profil nicht erkennbar wird – das ist die große Angst, die die Skeptiker zu ihrem Nein treibt.

ZEIT: Aber das beantwortet noch nicht unsere Frage. Wie wollen Sie das Vertrauen der eigenen Leute zurückgewinnen?

Dreyer: Alles wird davon abhängen, dass wir unseren Mitgliedern schon während der Koalitionsverhandlungen glaubhaft vermitteln, dass wir da bereits hart an der Erneuerung der SPD arbeiten. Wir müssen ihnen zeigen, dass wir nicht, wie in der letzten Koalition, alleine fleißig den Koalitionsvertrag abarbeiten, sondern dass wir auch als Partei sichtbar und unterscheidbar bleiben. Wir müssen konstruktiv streiten und dürfen nicht nochmals Vertragsbrüche der Union durchgehen lassen. Wir stehen für einen respektvollen Umgang miteinander. Aber wir werden deutlich machen müssen, dass die große Koalition nur ein Zweckbündnis ist und die SPD starke, eigene Inhalte hat.

ZEIT: In der SPD prallen zwei komplett entgegengesetzte Ansichten darüber aufeinander, was jetzt richtig für die Partei und gut fürs Land ist. Kann man die überhaupt miteinander versöhnen?

Dreyer: Es ist zwingend notwendig, mit den Gegnern der Groko im Dialog zu bleiben. Deshalb müssen wir während der Verhandlungen in die Partei hinein kommunizieren. Tür zu, nichts sagen, keine Interviews geben und am Ende eine Woche verstreichen lassen, bevor man entscheidet – das war bei den Sondierungen als Gegenmodell zu den vier Wochen Jamaika auf Balkonien genau richtig. Aber jetzt brauchen wir einen anderen Informationsfluss.

ZEIT: Kann es sein, dass ein großer Teil der Groko-Gegner gar nicht gegen die Groko ist, sondern gegen Angela Merkel als Kanzlerin?

Dreyer: Kann sein. Zumal es Frau Merkel in der Vergangenheit ja ganz hervorragend gelungen ist, wie ein Ideenstaubsauger sozialdemokratische Inhalte aufzunehmen und dann als ihre eigenen zu verkaufen. Aber das müssen wir uns auch selbst zuschreiben. Wir haben zu wenig dagegengehalten und die Kanzlerin zu sehr in Watte gepackt.

ZEIT: Hat die Kanzlerin noch die Autorität, Zugeständnisse an die SPD durchzusetzen?

Dreyer: Ich gehe davon aus, dass CDU und CSU ein starkes Interesse daran haben, dass Angela Merkel wieder zur Kanzlerin gewählt wird. Merkel muss es dann aber auch schaffen, die Lautsprecher in den eigenen Reihen abzustellen. Es ist in Verhandlungen nicht zuträglich, wenn ständig aus der zweiten Reihe geschossen wird. Das stärkt auch nicht das Vertrauen in die Union. Erst recht nicht das Vertrauen der sehr kritischen Basis der SPD.