Okay, ich wache also auf im Prenzlauer Berg, dem Ort in Berlin, der, wie Alexander Dobrindt mir kürzlich in der Welt erklärte, nicht Deutschland ist, dafür aber die Debatten in Deutschland bestimmt.

Das ist mir nach dem Aufwachen erst mal egal, denn es müssen sofort Dinge erledigt werden. Wirklich, hier ist nichts so, dass ich es auf Instagram posten könnte:

Erstens: Ist das Bio-Schwein, das ich meinem Kind als Lyoner aufs Brot schmeiße, unter Umständen umgekommen, über die ich nichts Genaues weiß, WEIL BIO NICHT GLEICH BIO ist. Und darüber muss ich mich jetzt informieren, ihr Spielverderber.

Zweitens: Wurde das Smartphone, auf dem ich, das Kind auf dem Arm, nachzulesen versuche, was nun mit diesen Bio-Siegeln ist, unter gnadenlosen Produktionsbedingungen hergestellt. Außerdem soll man nicht immerzu auf dieses Smartphone gucken, wenn man sich mit dem Kind in INTERAKTION befindet, wie ich erst kürzlich las, weil das ist schlecht für dessen Persönlichkeitsentwicklung, und vielleicht wird das Kind dann niemals Vorstand von irgendwas oder Nobelpreisträger.

Drittens: Bin ich überhaupt nicht entspannt, obwohl das mein Job ist.

Viertens: Kriegt das heute alles die Putzfrau ab, die wie immer um neun Uhr kommt und der ich gleich, als sie die Wohnung betritt, entgegenschleudere, was MAN JA WOHL NOCH WIRD SAGEN DÜRFEN: "Jetzt gucken Sie nicht so sozial benachteiligt! Dass Sie in der Ukraine geboren sind, habe ich mir doch nicht ausgedacht!" Ich meine, sie könnte sich doch etwas Mühe geben, unsere soziale Ungleichheit besser zu kaschieren, damit sie nicht so auffällt.

Fünftens: Breche ich vor dem Wickeltisch zusammen, als ich feststelle, dass in der Wundschutzcreme Palmöl enthalten ist (Umweltkatastrophe) und mein Freund die absoluten Verbrecher-Windeln (chemische Zusätze angeblich) gekauft hat. Was, wenn uns damit jemand sieht? Ich brülle "What a fucking shithole" und beschließe, unter einer Totalblockade leidend, dass wir heute zu Hause bleiben müssen, für immer.

Da das natürlich alles nicht so ist, da ich weder die Putzfrau anschreie noch vor dem Wickeltisch zusammenbreche, geht die Geschichte anders. Aber sie handelt weiter von dem Gefühl moralischer Überlegenheit. Dieses Gefühl funktioniert als eine Art kulturelle Kapitalanlage eines bestimmten, exklusiven Milieus. Es geht darum, einander zu zeigen, dass man informiert ist und daraus sichtbar die richtigen Schlüsse zieht. Diesen Lifestyle durchzuziehen ist extrem anstrengend, und vielleicht ist diese Anstrengung, das ständige Abchecken seiner selbst und der anderen, auch der Grund dafür, dass den benannten Milieu-Teilnehmern oft eine gewisse Strenge und Unaufrichtigkeit nachgesagt wird.

Denn natürlich wollen die, die täglich mit dem enormen Druck kämpfen, richtig zu sein, dafür auch irgendwie entlohnt werden. Der Lohn ist das bessere Gefühl und die Erlaubnis, andere abschätzig anzugucken.

Und obwohl der Versuch des guten, richtigen Lebens ein komplett größenwahnsinniger, weil immer unerreichbarer Anspruch ist, ist die Lösung natürlich nicht, sich einen Mercedes G 63 AMG zuzulegen und auf der Forderung zu bestehen, dass man dies oder jenes doch wohl noch wird sagen dürfen.

Man kann nicht hinter das eigene Bewusstsein zurück, wenn man es ignoriert, lügt man. Dieses Bewusstsein wiederum ist Ausdruck eines hohen zivilisatorischen Niveaus (gut), das allerdings nur einem sehr exklusiven Milieu zuteilwird (nicht so gut). Und darüber hinaus ist diese Bewusstseinslage eben auch ziemlich anstrengend (wieder nicht so gut). Aber wer hat denn gesagt, dass es einfach werden würde?