In den 1980ern waren sogenannte Abenteuer-Spielbücher weltweit beliebt. Darin musste sich der Leser alle paar Absätze zwischen zwei oder drei Handlungsoptionen entscheiden, um dann jeweils an einer anderen Stelle im Buch weiterzulesen. Der Spiegel nannte sie einen "gedruckten Gameboy". Der Regisseur Steven Soderbergh (Ocean’s Eleven) hat dieses Prinzip auf die Fernsehserie übertragen. Es ist nicht sein erstes Filmexperiment: Den Film Bubble drehte er 2005 ausschließlich mit Laiendarstellern und ohne Drehbuch. In seiner neuen Serie Mosaic muss der Zuschauer nach jeder Folge selbst entscheiden, aus welcher Figurenperspektive er die Geschichte weiterverfolgen will.

Wie schon die Spielbücher ihr Medium verwandelten, mutiert hier die Serie zu einer Hybridform zwischen Fernsehen und Computerspiel. Ein Trend, der sich seit Jahren abzeichnet: Videospiele werden filmischer, und Filme lassen sich von Games inspirieren. Mosaic wurde in den USA als App veröffentlicht. Darin gibt es eine "Story Map", die aussieht wie eine Karte sich verzweigender Pfade, entlang derer sich die Geschichte unterschiedlich entwickelt.

Die Geschichte, geschrieben von Ed Solomon, ist diese: Die Kinderbuchautorin Olivia Lake, divenhaft gespielt von Sharon Stone, verschwindet über Nacht aus dem fiktiven Skiort Summit im Bundesstaat Utah. Eine Blutspur in ihrem Atelier legt ein Gewaltverbrechen nahe. Der vermeintliche Täter ist schnell gefasst und wird des Mordes schuldig gesprochen: Olivias Verlobter Eric Neill (Frederick Weller), ein ehemaliger Trickbetrüger. Erst vier Jahre später werden Teile von Olivias Leiche gefunden – und der Fall wird noch einmal aufgerollt.

Gemeinsam begeben sich App-Nutzer und fiktive Ermittler auf Spurensuche durch das verschneite Utah, das wir in kühlen, kontrastreichen Filmbildern sehen. Die Kamera fügt sich mal als distanzierte Beobachterin in die Kulisse ein, mal fährt sie an die Gesichter heran und kommt den Figuren ganz nah.

Das Whodunit klassischer Krimis wird dabei zum interaktiven Moment. Der Nutzer entscheidet, welchem Charakter er folgen will – zum Beispiel dem Dorfpolizisten Nate Henry (Devin Ratray), dem Nachwuchskünstler Joel Hurley (Garret Hedlund) oder der Schwester des Inhaftierten, Petra Neill (Jennifer Ferrin). Wer sagt die Wahrheit? Gibt es überhaupt eine? Das Publikum wird angehalten, selbst zu ermitteln und zu kombinieren: Immer wieder tauchen am Rand des Bildschirms zusätzliche Hinweise auf – etwa ein Polizeibericht, eine Mailboxnachricht oder ein Zeitungsausschnitt –, die man anklicken und sich ansehen kann.

Wirklich interaktiv ist Mosaic trotzdem nicht. Zwar ändert die Entscheidung der Nutzer die Perspektive auf das Geschehen, nicht aber das Geschehen selbst. Schicksalhaft läuft es auf sein Ende zu. Das unterscheidet Mosaic von serienbasierten Computerspielen wie The Walking Dead oder Choose Your Own Adventure- Shows für Kinder.

Soderbergh bezeichnet seine Serie als "Höhlenmalerei" einer neuen Technologie

Die Serie wirkt, als habe Soderbergh einen Knäuel möglicher Schnittversionen hingeworfen, um dem Nutzer zu sagen: "Such dir was aus." Die App ist ein Baukasten für einen individuellen Director’s Cut, den sich der Betrachter selbst zusammenstellt. Die Frage, wie eine gute Geschichte strukturiert gehört, bleibt ihm überlassen. Soll man bei einer Figur bleiben und dafür eine andere Sichtweise vernachlässigen? Oder lieber zwischen den Charakteren springen?

Entscheidet man sich für einen einzelnen Strang, erscheint am Schluss die Information: "Du hast das Ende des Pfades erreicht, nicht aber das Ende der Geschichte." Es geht von vorne los. Aus der Perspektive einer anderen Figur verläuft die Geschichte nun anders, wird vielschichtiger, interessanter. Schien Joel gerade noch von Petra des Mordes überführt, stellt Petras Perspektive seine Schuld infrage. Die Wahl der Perspektive ändert also vielleicht nicht den Verlauf der Ereignisse, kann aber zu einer existenziell anderen Wahrnehmung führen. Auf diesen Twist verweist die Serie selbst durch eine Geschichte in der Geschichte: Olivia hat auf ihrem Grundstück in Utah einen "Geschichtspfad" mit zwei Wegen eingerichtet. Geht man in die eine Richtung, ist es die Geschichte eines Jägers, der einen Bären jagt. Geht man in die andere, ist es die Geschichte eines Bären, der sich gegen einen Jäger verteidigt. Beide wohnen im selben Wald.

Auch wenn die Serie außerhalb der USA nur in einer von Soderbergh kuratierten, linearen Fassung zu sehen ist, sieht der Regisseur Mosaic als einen Schritt hin zu komplexeren Erzählformen. Auf dem Tokyo International Film Festival bezeichnete er seine App als "Höhlenmalerei" einer neuen Technologie. Er sei gespannt, zu sehen, was andere Filmemacher damit anstellten. Darauf warten will er allerdings nicht. Stattdessen hat er schon das nächste Filmexperiment im Kasten: Im März erscheint Unsane, ein Horrorfilm mit Juno Temple, den Soderbergh mit einem iPhone aufgenommen hat.

In Deutschland ist "Mosaic" online bei Sky Ticket zu sehen und ab dem 14. Februar auch im Sender Sky