Brigitte Schulz wusste, wie ernst es stand. Sie hatte begriffen, wie gefährlich die Lage war, als ihre Vernehmer sie im Geheimdienstgefängnis von Nairobi anbrüllten und ihren Kopf gegen die Wand schleuderten, bis sie halb ohnmächtig zu Boden sank.

Aber dass ihr Leben am seidenen Faden hing? Dass der kenianische Geheimdienst erwog, sie zu exekutieren und in einem abgelegenen Tal zu verscharren? Dass die israelische Regierung diskutierte, die Gefangene über dem Roten Meer aus dem Flugzeug zu werfen wie einen Sack Müll, ein Problem weniger, diese verdammten Deutschen?

Welch tödlichen Ausgang der Fall hätte nehmen können, wird erst heute klar, 42 Jahre nach der Festnahme der deutschen Staatsbürger Brigitte Schulz und Thomas Reuter Anfang 1976 in Nairobi. Durch ein neues Enthüllungsbuch über den Mossad, das der israelische Journalist Ronen Bergman geschrieben hat und das diese Woche erscheint, kommt die Dimension jener Anti-Terror-Operation ans Licht, die der israelische Geheimdienst damals zusammen mit der kenianischen Regierung durchführte, um einen Anschlag auf ein israelisches Flugzeug zu verhindern.

Es ist eine Geschichte, die von palästinensischen Terroristen und ihren deutschen Unterstützern handelt, die verhaftet, gefoltert und anschließend heimlich nach Israel verschleppt wurden. Und es ist eine rechtsstaatlich wie außenpolitisch brisante Geschichte, weil die Bundesregierung die dubiosen Methoden der Israelis monatelang hinnahm und die Familienangehörigen der Deutschen in die Irre führte.

In seinem Buch stützt sich der israelische Journalist und Geheimdienstexperte Bergman auf geheime Akten des Mossad, Interviews mit Beteiligten und Akten der israelischen Regierung. Die ZEIT konnte den Mossad-Bericht über den Fall auswerten und zwei der israelischen Agenten treffen, die damals die Deutschen verhörten – sowie mit Brigitte Schulz sprechen, die heute 66 Jahre alt ist und in Hessen lebt.

Der Mossad-Spitzel "Schwermut" warnte vor einem Anschlag auf ein Flugzeug

Schulz sitzt in einem Café im Frankfurter Ostend, eine nachdenkliche, ruhige Frau mit Lesebrille und ergrautem Haupthaar, die lange und fest ihre Hände knetet, als sie hört, was die Kenianer damals erwogen. Sie seufzt und macht eine Pause, sie hat die Geschichte eigentlich hinter sich gelassen, sie war ja erst 24 Jahre alt damals, 1976, eine glühende Linksradikale, deren Herz für die unterdrückten Völker Afrikas und Palästinas schlug.

In Heidelberg, wo Schulz Germanistik und Soziologie studierte, gehörte sie dem Komitee gegen Folter an und beteiligte sich an Demonstrationen gegen Isolationshaft. Schulz sah sich als Freiheitskämpferin, und auch wenn sie weder der Roten Armee Fraktion (RAF) angehörte noch Anschläge begangen oder jemals im Gefängnis gesessen hatte, sympathisierte sie doch mit dem bewaffneten Kampf im Untergrund. Der Mossad hingegen sah sie nur als eins: als Staatsfeindin, die Terroristen unterstützte – militante palästinensische Gruppen.

Anfang Januar 1976 hatte sich Schulz zusammen mit ihrem damaligen Lebensgefährten Thomas Reuter mit gefälschten Pässen nach Aden abgesetzt, in ein Ausbildungslager der palästinensischen PFLP. In dem Camp traf Brigitte Schulz ihren Bruder kurz wieder, der einige Monate zuvor in die Illegalität abgetaucht war. Im Südjemen diskutierten die Deutschen nächtelang über die Weltrevolution und übten an Waffen. Als sie gefragt wurden, ob sie eine Palästinenserin nach Nairobi begleiten könnten, sagten Schulz und Reuter spontan zu. Von einem Anschlagsplan sei allerdings keine Rede gewesen. "Wir mieteten uns in Nairobi in ein Hotel ein, trafen die Palästinenserin, gingen abends essen, fuhren manchmal mit einem Mietauto in die Savanne", erinnert sich Schulz. "Es fühlte sich fast wie Urlaub an." Auf Bitten der Palästinenserin seien sie "zweimal zum Flughafen" von Nairobi gefahren und hätten dort "nach Auffälligkeiten" geschaut, aber worum genau es gegangen sei, hätten weder sie noch Reuter gewusst. In dem Mossad-Report ist hingegen festgehalten, sie hätten den Auftrag gehabt, den Schalter der israelischen Fluglinie El Al auszukundschaften.