Das Kino des südkoreanischen Regisseurs Hong Sang-soo ist eine zarte, sich ewig fortsetzende Komposition. Eine filmische Fuge entlang einer Handvoll Leitmotive: Männer und Frauen sind hier genauso in Bewegung wie ihre Bilder voneinander. Sie begegnen sich in der Stadt, am Strand, im Hotel, gehen spazieren und streiten. Kommen sie zur Ruhe, geht es erst richtig los: Abendessen werden zu Alkoholgelagen, die zu eruptiven Wahrheiten führen. In der Trunkenheit entfaltet sich die schöne Beiläufigkeit dieses Kinos, da offenbaren die Figuren, was sonst aus Höflichkeit oder Verlegenheit nicht gesagt wird. Man könnte auch sagen, im Nebel des koreanischen Nationalgetränks Soju mäandern Hong Sang-soos Frauen und Männer auf das Wesentliche zu: die Frage nach dem Sinn der Liebe in unserem Leben.

Tatsächlich sind diese Filme wie musikalische Kompositionen, die man immer wieder anhören möchte. Hong Sang-soo geht es um den Wechsel von Tonlage und Rhythmus, um Wiederholung und Variation. Diese Vorliebe bestimmt den Twist seiner Geschichten: Im Film In Another Country spielt Isabelle Huppert drei Frauen namens Anne, die alle im selben Strandhotel verschiedenen Männern begegnen . Eine junge Frau trifft in Our Sunhi nacheinander drei Männer aus ihrer Vergangenheit, die meinen, ihr Ratschläge erteilen zu müssen . Oder: Die Bekanntschaft eines verheirateten Regisseurs und einer Malerin in einer Provinzstadt wird zweimal mit unterschiedlichen Verläufen erzählt (Right Now, Wrong Then).

Auch Hong Sang-soos siebzehnter Film On the Beach at Night Alone, der nun in die deutschen Kinos kommt (sein neuester Film wird auf der Berlinale im Februar zum ersten Mal gezeigt werden), ist eine solche Liebesbegegnungsfuge. In flüchtigen, doch präsenten, immer wie nebenbei kadrierten Einstellungen folgt er der jungen Schauspielerin Younghee nach Hamburg (Kim Min-hee bekam für ihr bezaubernd nachdenkliches, auch selbstvergessenes Spiel den Darstellerpreis der vergangenen Berlinale). Nach einer Affäre mit einem verheirateten Regisseur möchte Younghee Abstand zu ihrem Geliebten und zu ihren Gefühlen finden. Spaziergänge an der winterlichen Elbe, Erkundung der deutschen Wurstspezialitäten, Gespräche, belustigte und befremdete Blicke auf das Land. Hamburg erscheint als eine Stadt, deren Restaurants komplizierte Öffnungszeiten haben und deren Einwohnern die Ferien wichtig sind. Eine Einladung bei Bekannten offenbart die komischen Verlegenheiten der Sprachbarriere.

Beim Spaziergang durch einen Park kniet Younghee plötzlich vor einer kleinen Brücke nieder, während Schuberts Streichquintett C-Dur erklingt. Handelt es sich um eine Meditation oder um ein stilles Gebet? Ist es eine Geste der Verzweiflung oder der Hoffnung? Wir werden es nicht erfahren. Doch aus der Szene spricht eine metaphysische Trauer, die jedes Bild erfüllt, auch wenn im weiteren Verlauf des Films viel gesprochen und getrunken wird.

Zurück in Korea, trifft sich Younghee mit Freunden am winterlichen Meer. Bei einem Abendessen erweist sich Hong Sang-soo wieder als Meister des Trinkgelages. Zwischen Soju-Schlucken und leeren Tellern entsteht ein scheinbar chaotisches Gespräch über die Unmöglichkeit der Liebe. In derbem Tonfall werden feinsinnige Gedanken geäußert. Über den Tod sagt Younghee: "Ich möchte einfach nur anmutig verschwinden."

Zweimal sieht man Younghee am Strand liegen, mit dem Rücken zur Kamera. Vielleicht ist sie erschöpft vom Fühlen und Denken und vom Sprechen darüber: ein weiteres Bild, das Raum lässt für metaphysische Trauer. Und für einen Moment kann man sich vorstellen, mit Younghee und dem Film auf anmutige Weise zu verschwinden.