Wie viel Glück einer empfindet – das ist ja immer auch abhängig von den Erwartungen, die er vorher hatte. Vielleicht wirkt die SPD im Osten deshalb gerade um einiges glücklicher als die SPD im Westen. Sie ist mit wenig zufrieden. Die Bundespartei hadert bis heute mit dem Regieren – wie man am schweißtreibend knappen Ja zur großen Koalition sehen konnte. Dagegen hat sich bei der Partei in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen – also in jenen Ost-Ländern, in denen sie nicht den Ministerpräsidenten stellt – schon lange eine Art Nützt-ja-nix-Mentalität etabliert. Die rührt daher, dass man im Grunde einen Schritt weiter ist als die Bundespartei. Man erwartet gar nicht mehr, dass man vom Wähler fürs Regieren belohnt würde.

1. Man muss nicht groß sein, um selbstbewusst zu bleiben – es reicht ja, wenn man wichtig ist

Die drei Landesparteichefs der SPD in Sachsen-Anhalt, Sachsen und Thüringen sind nicht nur von Beruf Optimisten, sondern sogar Berufsoptimismusse (die Steigerung von Optimisten: Politiker, die optimistisch sein müssen!). Wer dieser Tage mit ihnen telefoniert, erlebt den immer gleichen Gesprächsbeginn: Erst ein leichtes Seufzen in der Leitung. Dann leises Lachen, fast galgenhumorig. Dann ein Satz nach dem Motto: Ach, wieder jemand, der nach der Lage der SPD fragen will!

Nadannwollnwirmal.

Nadannwollnwirmal ist dabei schon ein gutes Wort für den Zustand der SPD in den Kernländern des Ostens. Zum Beispiel sagt Martin Dulig, SPD-Chef in Sachsen, direkt nach dem tiefen Seufzer: "Wenn wir eines gelernt haben, dann dass beides nichts nützt: weder Fatalismus noch totale Euphorie. Wir befinden uns emotional irgendwo dazwischen. Das heißt aber auch: Wir sind gefestigt. Von unserem Selbstbewusstsein kann die SPD im Westen vermutlich noch lernen." Selbstbewusstsein? Dass die SPD in Sachsen besonders selbstbewusst sein soll, könnte man erst lustig finden. In Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, wo die Partei Regierungschefin und -chef stellt, mag Selbstbewusstsein noch angebracht sein. Aber in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen? Wo sie mit irgendwas zwischen zehn und zwölf Prozentpunkten in die Landtage eingezogen ist? Doch wenn einem klar wird, woraus sich dieses Selbstbewusstsein speist, ist es gar nicht mehr so absurd. Es speist sich eben nicht aus Größe, sondern aus Einfluss. Es ist das Selbstbewusstsein desjenigen, der weiß, dass er systemrelevant ist.

2. Denn wenn die SPD nicht mitregiert, geht im Osten gar nichts mehr

Alle, die immer schnell mit dem SPD-Bashing zur Stelle sind, vergessen eines: Als einzige Partei regiert die SPD in allen fünf ostdeutschen Bundesländern mit – und das nicht immer zum eigenen Vorteil. Sie tut es nicht nur, weil sie das gerne will. Sondern auch, weil sie es rechnerisch muss. Weil Verantwortung im Osten noch mal etwas anderes bedeutet: Ohne die SPD wäre im ganzen Osten – außer in Sachsen – gar keine Koalitionsbildung denkbar. Selbst Dreiparteienbündnisse ohne die SPD wären außerhalb Sachsens in keinem Ostland möglich (wenn man, jeweils, von der Prämisse ausgeht, dass die CDU nicht mit der Linken koaliert und die AfD aus Überlegungen dieser Art ohnehin ausscheidet).

Die Situation, die im Bund gerade zu erleben ist – dass keine Regierung zustande kommt, wenn die SPD sich widersetzt –, ist im Osten schon länger Normalität. Anders gesagt: Was in Zeiten einer zerklüfteten Parteienlandschaft, von wechselwilligen Wählern, sich radikalisierenden Rändern und einer konservativer werdenden Gesellschaft auf die SPD noch zukommen könnte, ist im Osten schon zu beobachten: Regieren als reine Pflicht.

Und wenn jede Wahl nur noch komplizierte Konstellationen ergibt, was nützt dann die Drohung mit Neuwahlen? Oder wenn, wie in Thüringen, die Umfragen sagen, dass Linke und AfD zusammen bald bei 40 Prozent landen könnten – für die Mitte-Parteien also nur 60 Prozent blieben: Wie soll dann ohne die SPD ein Staat zu machen sein? Deshalb sagt Martin Dulig, der Sachse: "Was Verantwortungsbereitschaft angeht, muss uns keiner was erzählen." Eine Garantie, dass es vom Wähler belohnt wird, wenn man mitregiert, gebe es nicht. Aber eine Garantie, dass es bestraft wird, wenn die SPD die Verantwortung scheut, die gebe es sehr wohl.

3. Die SPD ist fürs Regieren wichtig – aber das Regieren auch für die SPD

Während die SPD im Bund überlegte, aufs Mitregieren zu verzichten, um endlich wieder aufzufallen, fragt sich die SPD im Osten, wie sie überhaupt auffallen würde, wenn sie nicht wenigstens noch regieren könnte. Lieber nicht regieren als falsch regieren? Mal nicht regieren, um in der Opposition erstarken zu können? Daran kann nicht ernsthaft glauben, wer im Osten in der SPD Verantwortung trägt. Denn was mit der SPD in seinem Bundesland passiert, wenn sie nicht regiert, sagt Burkhard Lischka, SPD-Chef in Sachsen-Anhalt – das sei ganz einfach: "Dann werden wir unsichtbar. Wir verschwinden zwischen einer lauten AfD und einer lauten Linken. Eine so an der Vernunft orientierte Partei wie die SPD würde im Osten in der Opposition wohl schnell untergehen." Die große Kunst sei es, in der Regierung zu zeigen, wofür man steht. "Ich sehe das mit der Opposition nicht so idealistisch wie vielleicht manche in NRW", so Lischka. "Vermutlich sind wir da im Osten schon ein Stück weiter."

Regieren ist wie Älterwerden

4. Wenn eine Partei so fleißig ist, aber kaum belohnt wird, sollte man sie nicht noch demütigen

Die Ost-SPD hat also verstanden: Regieren ist wie Älterwerden – manchmal unangenehm, macht nicht unbedingt attraktiver, ist aber unvermeidlich. Oder hat sie es doch nicht verstanden? Ein kurzes Zucken zog neulich durch Sachsen-Anhalts SPD, es katapultierte sie deutschlandweit in die Schlagzeilen: Kurz vor dem Bundesparteitag sprach sich der Sachsen-Anhalter Landesparteitag knapp gegen Koalitionsverhandlungen im Bund aus. Burkhard Lischka sagt, das habe ihn nicht übermäßig geärgert. Manchmal seien halt Emotionen im Spiel. Geärgert habe ihn etwas anderes: Die Art, wie die Entscheidung aus Sachsen-Anhalt von der Union kommentiert wurde. Als CSU-Mann Alexander Dobrindt vom "Zwergenaufstand" in der SPD gegen die Groko sprach, meinte er nicht nur die Gegenwehr der Jusos. Sondern auch die des kleinen Sachsen-Anhalter Landesverbands. "So ein Spruch kann ganz schlechte Folgen haben", sagt Lischka. "Wenn sich ein Landesverband wie unserer als vernünftigster Teil einer Regierung erlebt, die ohnehin nur der Vernunft wegen existiert – und dann noch das Gefühl bekommt, vom großen Koalitionspartner dafür verspottet zu werden –, trifft so ein Kommentar schnell mal einen Nerv, den er besser nicht getroffen hätte."

5. Die SPD ist die westdeutscheste Partei, aber sie macht die Bundespolitik ostdeutscher

Dass Dobrindt Sachsen-Anhalts SPD zum Zwergenclub erklärte, tut dort natürlich auch deshalb so weh, weil doch etwas Wahres in Dobrindts Worten steckt: Die SPD ist, von der Mitgliederstruktur her, die westdeutscheste aller Parteien; die Ost-Landesverbände sind tatsächlich Zwerge im Vergleich zu den westdeutschen. Sachsen-Anhalt stellte nur sieben der 600 Delegierten beim Bonner Bundesparteitag am Wochenende. Keine andere große Partei hat im Verhältnis zur Gesamtmitgliederzahl so wenige Mitglieder im Osten. Nur damit man mal eine Vorstellung hat: 3.800 Genossen gibt es in Thüringen, 3.700 in Sachsen-Anhalt, 4.900 in Sachsen. So viel hat die Partei in einer durchschnittlichen Stadt in Nordrhein-Westfalen.

Paradoxerweise ist eine Groko trotzdem ostdeutscher, als es Jamaika gewesen wäre: Eben weil die SPD, anders als Grüne und FDP, in jedem Ost-Land regiert, bringen ihre Ministerpräsidenten und Landesminister mehr Ost-Expertise ein, als es Grüne und erst recht die FDP je könnten.

Und wie man mit wenigen Mitgliedern schlagkräftig bleibt, lernt man sowieso am besten schon heute von der SPD im Osten. "Wir müssen besonders kreativ sein, um den Mitgliedermangel zu kompensieren", sagt Wolfgang Tiefensee, der bald Thüringer SPD-Chef werden soll. Auf dem flachen Land findet sich kaum jemand, der Plakate kleben will. Bis heute leidet man in der SPD darunter, dass man 1990 nicht die Mitglieder einer Blockpartei übernehmen konnte. Sondern von null anfing. Aber irgendwie komme man klar, sagt Tiefensee. Neulich war er in Suhl bei der Nominierung des neuen Oberbürgermeisterkandidaten. Zum Parteitag kam fast die Hälfte der Suhler Mitglieder! 25 Leute.

Wobei vom Mitgliedermangel, ohne dass das jetzt böse gemeint wäre, auch er, Tiefensee, selbst profitiert: Thüringens bisheriger SPD-Landeschef, der Erfurter Oberbürgermeister Andreas Bausewein, hat über Weihnachten hingeworfen. Weil das Amt des SPD-Chefs anstrengend ist, weil er im April eine Oberbürgermeisterwahl gewinnen will. Außer Tiefensee, der lange Oberbürgermeister von Leipzig, dann Bundesverkehrsminister war, seit 2015 nun Wirtschaftsminister in Thüringen ist, war keiner bereit oder fähig, die Partei im Land zu führen.

Also will Tiefensee das machen, mit 63 Jahren. Er werde oft gefragt, sagt er, ob man ihn nun bemitleiden oder beglückwünschen solle. Aber er gehört ja bald, qua Amt, zu den Optimismussen.