Der Mut eines Politikers zeigt sich auch darin, dass er in der Fremde nicht nur von den Erfolgen, sondern ebenso von den Problemen daheim erzählt. Demnach wäre Petra Köpping eine sehr mutige Politikerin. Als Sachsens SPD-Integrationsministerin am vorigen Montag im bayerischen Neuendettelsau ankommt, erfährt sie vom örtlichen Bürgermeister erst einmal, wie schön es dort sei: 8.000 Menschen lebten im Dorf, und es würden jedes Jahr einige mehr. Die Arbeitslosigkeit liege bei gerade einmal drei Prozent, es gebe ein kleines Krankenhaus, "nagelneu", eine Zollhundeschule, eine kleine Hochschule und sogar ein Freizeitbad.

Petra Köpping entgegnet, ganz lapidar: "Bei uns im Osten sieht es auch toll aus." Und fährt dann jedoch mit einem langen Aber fort: "Aber dann kommen Sie in die Einwohnerversammlungen und merken: Die Stimmung ist schlecht." Die Bundestagswahl habe das sichtbar gemacht. "Wir haben Gemeinden mit 40, manchmal fast 50 Prozent AfD-Stimmen", sagt Köpping. Deshalb dränge sich die Frage auf: "Warum ist die Stimmung in unserem Land, dem es augenscheinlich so gut geht, so gedrückt?"

So also beginnt sie: die Tour der Petra Köpping durch Westdeutschland. Sachsens Integrationsministerin von der SPD hat eine Mission: Sie will über die ostdeutsche Seelenlage reden. Will erklären, was vielen im Rest der Republik immer noch unbegreiflich ist: Warum so viele in den neuen Ländern zu Wütenden wurden. Warum sie in großer Zahl Populisten wählten, während es Ostdeutschland – den Zahlen nach – so gut geht wie noch nie. Warum die Arbeitslosenquote sank, zugleich aber auch die Stimmungslage.

All das habe etwas mit traumatischen Nachwende-Erfahrungen zu tun, glaubt Köpping. Mit dieser Botschaft reiste sie bislang durch Ostdeutschland. Aber jetzt will sie mehr. So verkündete es ihr Ministerium neulich, etwas unfreiwillig komisch: "'Nachwende-Aufarbeitung': Ministerin besucht erstmals die alten Bundesländer". Köppings Besuch in Neuendettelsau soll nur der Auftakt einer ganzen Besuchsserie sein.

Eine ostdeutsche Ministerin, die durch den Westen tourt, um dort über ostdeutsche Probleme zu reden: Ist das eine neue Form der Ost-Emanzipation – oder eine neue Form des Ost-Gejammers?

Es ist jedenfalls Interesse da, so eigentümlich der Besuch auch anmuten mag. Nach Neuendettelsau wurde Köpping eigens eingeladen: von Rudolf Kupser. Der 71-Jährige hat einen runden Kopf, eine rauchige Stimme und für jeden ein nettes Wort parat. Seine Frau begann vor 51 Jahren eine Brieffreundschaft mit einem Mädchen aus Drebach in der DDR, und diese Freundschaft hält bis heute. "Wir besuchen einander jedes Jahr, es ist immer wieder schön", sagt Kupser. Sogar Reisen in den Osten hat er organisiert: So kam es, dass jährlich ein Bus voller Neuendettelsauer ins Erzgebirge fuhr, nach Brandenburg oder Thüringen. Eine Frau aus Neuendettelsau stiftete der Gemeinde Drebach gar einen Fonds über 150.000 Euro. Wenn die Einheit irgendwo gelungen ist, dann in Drebach und Neuendettelsau. Und wenn einer irritiert war von dem, was zuletzt im Osten passiert ist, dann ist es Rudolf Kupser. "Regelmäßige Pegida-Versammlungen und die hohen Wahlerfolge der AfD haben uns traurig gemacht und verunsichert", sagt er zur Ministerin in einem Kurzreferat. Aufklärungsarbeit soll sie, Köpping, nun leisten: einen Landstrich erklären, der ihm rätselhaft wurde.

Also sitzt Petra Köpping jetzt im Landhotel Sonne, das fast vollbesetzt ist, und es kommt unweigerlich eine Stimmung auf, wie man sie aus den Neunzigern noch in Erinnerung hat: Hier wird nun der fremde Osten erklärt, ethnologisch sozusagen, wird die Finsternis ausgeleuchtet. "Sie sind es nicht, auf die die Leute Wut haben", beruhigt Köpping die Neudettelsauer. Aber ja: Viele Menschen im Osten seien verbittert. Sie hätten sich gefreut über den Mauerfall, seien euphorisch gewesen. Doch dann seien über Nacht allein in der Leipziger Gegend 100.000 Menschen arbeitslos geworden. Es seien neue Straßen und Kitas entstanden. "Aber wie es den Einzelnen ging, das ist nicht gefragt worden", so Köpping. Gerade die Aufbaugeneration bekomme jetzt ihre Rentenbescheide und merke, dass sie von der Rente nicht werde leben können. "Das macht den Frust aus, den viele haben", sagt Köpping. Solche Dinge müssten aufgearbeitet werden, denn: "Viele von diesen Menschen wählen AfD." Es gehe nicht allein um Geld und noch mehr Geld für die neuen Länder. Es gehe insbesondere: um Anerkennung.