Der berühmte Psychoanalytiker Irvin D. Yalom wurde im hohen Alter gefragt, wie er das Abklingen der eigenen Libido verarbeite. Yalom antwortete mit einem Naturvergleich: Das Schwinden der Lust sei wie das Erlöschen eines mächtigen, grellen Himmelskörpers, in dessen Hitze man sich sein Leben lang bewegt habe. Erst wenn das stechende Licht weg sei, könne man die Schönheit der Schöpfung erkennen, das Wunder all der Sterne, die da noch am Firmament stehen.

Man denkt an Yaloms Bild, wenn man das Interview mit dem 84-jährigen Schriftsteller Philip Roth liest, das soeben in der New York Times erschienen und in der Süddeutschen Zeitung nachgedruckt worden ist. Das Gespräch ist schon deshalb bemerkenswert, weil Roth das Schreiben und das Interviewgeben offiziell eingestellt hat. Für Charles McGrath, einen Autor, der ihn schon mehrmals befragt hat, machte er zumindest im zweiten Punkt eine Ausnahme. McGrath will, nüchtern gesagt, von Roth wissen, wie dieser das Leben ertrage, seitdem es eigentlich vorbei sei – seitdem Roth vom Licht der beiden Sonnen seiner Existenz nicht mehr geblendet wird, dem Schreiben und der körperlichen Lust.

Roth antwortet gelassen (was damit zusammenhängen mag, dass das Gespräch als E-Mail-Verkehr stattfand). Das Schreiben vergleicht er mit dem einsamen Dasein in einem abgelassenen Swimmingpool. Aus diesem Gefängnis nun entlassen zu sein verschaffe ihm Muße, sich treiben zu lassen in der Fülle der Lektüreangebote. Und er staune, was ihm, dem freien Leser, nun alles begegne: unter anderem Bruce Springsteens Autobiografie .

Als McGrath das Thema Sexualität streift, tut er, als wolle er nur Roths Meinung zur #MeToo-Debatte abholen. Roth antwortet diplomatisch: "Mir als Schriftsteller sind erotische Rasereien in der Tat nicht fremd. (...) Folglich haben mich die extremen Verhaltensweisen, über die ich in letzter Zeit in den Zeitungen gelesen habe, keineswegs erstaunt." Auch hier: tiefe Unbeirrbarkeit, es spricht ein Mann im Abklingbecken.

Aber als es dann um den aktuellen Zustand Amerikas geht, ist es mit der Ruhe vorbei. Der Interviewpartner erwähnt Roths Roman Verschwörung gegen Amerika, worin in einem Akt alternativer Geschichtsschreibung die Idee durchgespielt wird, dass unter dem Präsidenten Charles Lindbergh die USA sich in eine faschistische Diktatur verwandeln. Hier liegt ein Vergleich mit dem tatsächlichen Präsidenten auf der Hand, und Roth lässt sich nicht lumpen: Lindbergh, sagt Roth, sei zwar Rassist, Antisemit und ein mit dem Faschismus sympathisierender Rechtsextremer, andererseits aber auch "ein authentischer amerikanischer Held" gewesen, ein Magellan der Aeronautik. Trump sei, im Gegensatz dazu, "ein großer Betrüger, die üble Summe all seiner Unzulänglichkeiten, frei von allem außer der leeren Ideologie eines Größenwahnsinnigen".

Also: Ein böser Mann, der etwas kann, ist besser als ein Irrer, der gar nichts kann. Vernichtender ist über Trump nie gesprochen worden. Ach, Mr. Roth! Man wünschte sich, er würde seinen Schreibbann brechen und der Verschwörung gegen Amerika einen zweiten Teil folgen lassen. Muss denn alles zu Ende sein?

Nein! Schon Philip Roths berühmtester Roman, Portnoys Beschwerden, endet mit dem zuversichtlichen (in deutschem Akzent gesprochenen) Satz: "Now vee may perhaps to begin. Yes?" ("Vielleicht wir jetzt können beginnen. Ja?")