Sind deutsche Wissenschaftler unpolitischer als türkische? Fragen an den Politologen Çetin Gürer, der als Erdoğan-Kritiker sein Institut in Istanbul verlassen musste

DIE ZEIT: Herr Gürer, Sie haben über das Philipp-Schwartz-Stipendium für geflüchtete Wissenschaftler eine Stelle als Gastwissenschaftler an der Universität Bremen erhalten. Wieso mussten Sie die Türkei verlassen?

Çetin Gürer: Im Januar 2016 habe ich den Aufruf der "Academics for Peace" für Frieden in den kurdischen Gebieten unterschrieben. Drei Wochen später wurde mir meine Stelle als Dozent an meiner Universität in Istanbul gekündigt. Ich wusste, dass ich in der Türkei keine Chance mehr bekomme, solange Erdoğan Präsident ist. Also habe ich mich im Ausland umgeschaut. Im Sommer 2016 landete ich über das Stipendium in Bremen.

ZEIT: Zur Zeit des Putschversuches?

Gürer: In der Nacht des Putschversuchs waren meine Frau und ich bereits in Deutschland. Unsere Sachen hatten wir aber noch in Istanbul. Weil nach dem gescheiterten Putsch sofort Ausreiseverbote erlassen wurden und die Behörden gegen mich als Unterzeichner der Friedenspetition ermittelten, ist meine Frau – sie ist Deutsche – allein nach Istanbul zurückgekehrt, um den Umzug zu organisieren.

ZEIT: Wie wurden Sie an der Universität Bremen aufgenommen?

Gürer: Von meinen Kollegen wurde ich als Forscher sofort ernst genommen. Aber viele andere an der Universität sahen in mir nicht den Politologen, sondern einen Flüchtling. Ich wurde als jemand wahrgenommen, der in seiner Heimat bedroht ist. Worüber ich forsche, erscheint zweitrangig.

ZEIT: Woran haben Sie das gemerkt?

Gürer: Es ist schwer, das genau zu beschreiben. Aber wenn in Gesprächen als Erstes Ihr Aufenthaltsstatus abgefragt wird, fühlt sich das merkwürdig an. Ich bin zum Beispiel oft gefragt worden, ob ich in Deutschland einen Asylantrag stellen möchte, obwohl ich eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung habe.

ZEIT: War die Lage in der Türkei unter Ihren neuen Kollegen ein großes Thema?

Gürer: Die Lage in der Türkei ist zwischen mir und meinen Kollegen bis heute das Gesprächsthema Nummer eins. Ich wurde automatisch als Türkeiexperte wahrgenommen – was das Land, aber auch was die Lage der Wissenschaft angeht. Natürlich haben mich der Putschversuch und seine Folgen permanent beschäftigt. Mein Körper war in Bremen, aber mein Geist in der Türkei. Das ist bis heute so, meine Familie und viele Freunde sind ja noch dort.

ZEIT: Ist die deutsche Wissenschaft aus Ihrer Sicht politisch?

Gürer: Eigentlich nicht. Viele Sozialwissenschaftler hinterfragen zwar kritisch, was in der Welt passiert, und haben klare Meinungen darüber, was gesellschaftspolitisch schiefläuft. Aber daraus folgen keine Konsequenzen, kein Engagement. Sie tun nichts dafür, die Verhältnisse zu ändern.

ZEIT: Müssen Wissenschaftler Aktivisten sein?

Gürer: Sollen, dürfen, müssen sich Wissenschaftler aktiv einmischen? Das ist eine schwierige Frage. Die deutsche Wissenschaft scheint es als ihre Aufgabe anzusehen, eine kritische Distanz zur gesellschaftlichen Realität zu wahren.

ZEIT: Und das ist in der Türkei anders?

Gürer: Die Situation an den türkischen Hochschulen ist allein dadurch schon politischer, weil die Dozenten tief gespalten sind. Für Erdoğan oder gegen ihn? Deine Haltung wirkt sich direkt auf dein Leben an der Uni aus.

ZEIT: Geht das konkreter?

Gürer: Tausende Erdoğan-kritische Wissenschaftler haben ihre Jobs verloren, das ist ja bekannt. Aber es beginnt im Atmosphärischen. Nachdem ich den Friedensaufruf unterschrieben hatte, wurde ich etwa von Studierenden auf Twitter als "Verräter" beschimpft. Andere wurden vor Gericht gestellt, weil Erdoğan-Fans unter den Studierenden sie denunziert haben, nachdem sie sich kritisch über die Politik der Regierung geäußert hatten. Viele AKP-nahe Wissenschaftler hingegen treten ständig im Fernsehen auf und loben Erdoğan. So wirkt es, als würde die Wissenschaft hinter dem Präsidenten stehen.

ZEIT: Was ist Ihr Eindruck von den deutschen Studenten – sind die politisch?

Gürer: Zumindest wirkt der Bremer Campus so. Viele politische Gruppierungen verteilen Flyer, hängen Plakate auf, organisieren Veranstaltungen. Sie sind im politischen Wettstreit, aber nicht verfeindet. So sollte es auch sein.