In einer idealen Arbeitswelt würden Arbeitskräfte in einem Beruf arbeiten, für den sie optimal qualifiziert sind. Nach dem Schulabschluss würde etwa eine Bankausbildung folgen, danach ein Job bei der Bank.

Nun ist die Arbeitswelt weit davon entfernt, ideal zu sein. Oft passt das, was Arbeitskräfte gelernt haben, nicht zu dem, was sich Arbeitgeber für die Stelle wünschen. Viele Arbeitnehmer sind falsch qualifiziert: Ingenieure unterrichten als Quereinsteiger an Schulen, Juristen eröffnen eine Bar. Das muss nicht schlecht sein, schließlich kann der Ingenieur auch ein guter Mathelehrer sein. Volkswirtschaftlich gesehen, werden auf diese Weise allerdings Ressourcen verschwendet.

Sonst geht es immer um Menschen, die überqualifiziert sind.

Bislang standen bei dieser Problematik meist Arbeitnehmer im Mittelpunkt, die ihre Fähigkeiten nicht voll ausschöpfen, weil sie überqualifiziert sind. Eine neue Studie der Bertelsmann Stiftung, die der ZEIT vorab vorliegt, hat nun untersucht, wie viele Menschen in Deutschland für das, was sie tun, formal unterqualifiziert sind. Das Ergebnis verblüfft: Mehr als jeder fünfte Arbeitnehmer in Deutschland geht einem Beruf nach, für den er auf dem Papier nicht ausreichend ausgebildet ist.

Noch krasser ist das Ergebnis bei Arbeitnehmern ohne Abschluss: Laut Studie übernimmt jeder zweite ungelernte Mitarbeiter Aufgaben, für die eigentlich ein Ausbildungsabschluss erforderlich ist. Besonders häufig sind dies Männer zwischen 26 und 40 Jahren. Auch die Unterqualifizierung schade der Volkswirtschaft, sagen die Macher der Studie, weil unterqualifizierte Arbeitnehmer nicht genug Wertschätzung erführen.

Im Ergebnis sind sie auf dem Arbeitsmarkt weniger sichtbar. Tatsächlich zeigt die Studie, dass Menschen ohne formale Qualifikationen fürchten, bei einem Arbeitsplatzwechsel schlechtere Chancen zu haben. Entsprechend bewerben sie sich auf manche Stellen erst gar nicht, obwohl sie geeignet wären. Auch das ist eine Form der Ressourcenverschwendung.

Im Vergleich zu ihren formal adäquat ausgebildeten Kollegen verdienen die Unterqualifizierten außerdem zwischen sieben und elf Prozent weniger. Das sei eine Ungerechtigkeit, heißt es in der Studie, schließlich seien die Betroffenen für ihren Job ja nicht ungeeignet. Viele Dinge können sie laut Studie sogar besser als passend qualifizierte Arbeitnehmer – etwa besser rechnen und lesen. Zudem haben sie auch im Schnitt bessere IT-Fähigkeiten.

Wie lassen sich die Abschlüsse miteinander vergleichen?

Die Autoren der Studie fordern deshalb, dass Fähigkeiten, die jemand im Laufe des Berufslebens erwirbt, mehr wertgeschätzt werden. "Wir brauchen eine neue Anerkennungskultur für Kompetenzen, die erst im Job erworben werden", sagt Marvin Bürmann. Konkret wünschen sich die Forscher eine Öffnung der Berufsausbildung für Kompetenzen, die nicht im Lebenslauf stehen. "Jemand, der privat Angehörige gepflegt hat, sollte diese Fähigkeiten angerechnet bekommen, wenn er eine Pflegeausbildung erwägt." Auf diese Weise könne man auch den Fachkräftemangel lindern.