Die zwei wahrscheinlichsten Gründe, die Sie nach Ratingen verschlagen haben: Entweder Sie haben sich durch das Esprit-Outlet hinter dem Ostbahnhof gewühlt (einen Hauptbahnhof gibt es nicht). Oder Sie sind Messegast, und in Düsseldorf war kein Zimmer mehr frei. Die meisten Hotels hier werben mit der guten Verkehrsanbindung.

Zumindest mit der Straßenbahn kommen Sie zurzeit nicht ohne Weiteres nach Düsseldorf, die Haltestelle Ratingen-Mitte wurde baubedingt verlegt. Diesen Umstand sollten Sie für einen größeren Umweg nutzen. Sie werden an vielen Stellen auf eine gewisse Behelfsmäßigkeit stoßen. Betrachten Sie sie am besten als Lokalkolorit.

In der kopfsteingepflasterten Fußgängerzone schenken Sie zunächst Ihre Aufmerksamkeit dem Springbrunnen, auf dem drei Kinderfiguren ihre Daumen recken. Er soll an Ratingens liebste Legende erinnern – die von den Dumeklemmern, zu Hochdeutsch Daumenklemmern: Der Überlieferung nach hat die heidnische Bürgerschaft dem Missionar und späteren Heiligen Suitbertus die Tour dahingehend vermasselt, dass sie ihm das Stadttor vor der Nase zugeschlagen und dabei seinen Daumen eingeklemmt habe. Zur Strafe werde seither jeder Ratinger mit plattem Daumen geboren.

Ironischerweise steht der Dumeklemmerbrunnen nun im Schatten der Hauptkirche Peter und Paul. Zwei Metzger am Ort nutzen die Legende, indem sie daumengroße Mettwürstchen verkaufen – aber nur einer ließ den Namen Dumeklemmer urheberrechtlich schützen, sodass der andere nun eben Däumlinge verkauft. Welches Würstchen besser schmeckt, müssen Sie selbst entscheiden; an eingeklemmte Daumen erinnern sie farblich beide.

Auf dem Marktplatz passieren Sie das sandfarbene Bürgerhaus, in dem jahrhundertelang der Stadtrat tagte – heute dient es als Kneipe. Das Nachkriegsrathaus eine Ecke weiter, 1973 in der Ästhetik des Brutalismus errichtet, fanden die Bürger so lange hässlich, bis der Stadtrat den Abriss beschloss. Dann stimmten die Bürger plötzlich für eine Sanierung. Die Stadt riss dennoch einen Großteil des Gebäudes ab; hinter dem Bauzaun klafft nun ein Loch. Mehrere Ämter zogen in Baracken um, der Stadtrat tagt im Freizeithaus Ratingen-West.

Laufen Sie nun ein größeres Stück, vorbei am Kino, an der Kneipe Freie Tankstelle, am Schwimmbad und an der Wasserburg, bis Sie im Villenviertel Cromford ankommen. Sie befinden sich am Schauplatz eines frühen Falles von Industriespionage. In Ratingen entstand 1783 die erste Textilfabrik auf dem europäischen Kontinent. Der Firmengründer Johann Gottfried Brügelmann hatte sich zuvor in eine englische Fabrik eingeschlichen, heimlich die Maschinen studiert und so lange kleine Bauteile mitgehen lassen, bis er die mechanische Baumwollspinnerei daheim nachbauen konnte. Er bemühte sich nicht einmal, seinen Diebstahl zu kaschieren, sondern benannte den Standort des Plagiats nach dem Original: Cromford. Die Spinnmaschine funktioniert noch, das Fabrikgebäude ist heute eine Zweigstelle des Rheinischen Industriemuseums.

Auf dem Rückweg sollten Sie an der Eisdiele Il Gelato vorbeischauen, die seit gefühlten acht Generationen von Familie Baruffolo geführt wird und deren Eis auch im Winter schmeckt (oder was man im Rheinland halt so "Winter" nennt).

Sie werden es längst aufgegessen haben, wenn Sie die Straßenbahn erreichen. Die Haltestelle Ratingen-Mitte wurde übrigens verlegt, um ungestört die Bäume ringsum fällen zu können. Sie störten beim Bau einer einschüchternden Überdachung für den angrenzenden Busbahnhof. Auch die ist leider noch nicht ganz fertig. Aber keine Sorge: 2018 kommen Sie wieder ganz schnell nach Düsseldorf, irgendwann.