Irgendetwas stimmt nicht. Irgendetwas ist im Verzug an diesem Morgen, und ich habe mal wieder nichts mitbekommen. Fast zwei Tage lang rumorte es in meiner Schiffsunterkunft, als sei darin ein Geräuschemacher zugange. Es hämmerte und knisterte, quietschte, trommelte und ratterte. Und jetzt? Totenstille. Auch dieses wilde Schaukeln, das schon das Zähneputzen zum Abenteuer machte – weg.

Vorsichtig steige ich aus dem Bett. Ziehe die Vorhänge zur Seite. Und starre ungläubig hinaus: Nachdem draußen über vierzig Stunden lang bis zu sieben Meter hohe Wellen alles in Bewegung brachten, was sich bewegen kann, liegt das Meer jetzt da wie die reine Freundlichkeit und Güte. Unser Schiff ist im quecksilbrigen Gefunkel einer Bucht vor Anker gegangen. An Land werden Gletscher von lavaschwarzen Felsen durchstoßen, die an den Rückenpanzer einer Dornenechse erinnern, davor ragt ein einzelner Eisberg schwimmbadblau aus dem Wasser.

Bis nach Feuerland bin ich schon einmal gekommen. Im südargentinischen Ushuaia, von wo aus Schiffe zur Antarktis auslaufen, kaufte ich mir damals einen Kühlschrankmagneten vom Südpolkontinent. Aber ich hatte wenig Freude an dem Ding. Jedes Mal, wenn ich es in der Küche sah, dachte ich: Hochstapler! Das ist jetzt vorbei. Ich bin über das Weltende hinausgereist und heute in der Antarktis angelangt.

Gerade einmal zehn Tage kostet es mich, sie meiner Reisebiografie hinzuzufügen. So lange dauert die Kreuzfahrt von Ushuaia durch die Drake-Passage bis zum antarktischen Festland und zurück. Die berüchtigte Meerenge verschlingt insgesamt knapp vier Tage und gilt als das Ungemütlichste, was die christliche Seefahrt zu bieten hat. Die Spitze Südamerikas und die Ausläufer der Antarktis (die sogenannte Antarktische Halbinsel) bilden hier einen Engpass, der auf die Strömung wie eine Düse wirkt und das erzeugt, was Seebären den "Drake-Shake" nennen. Nachdem wir Kap Hoorn hinter uns gelassen hatten, schafften es nur die Allerhärtesten von uns bis aufs Promenadendeck. Wenn ich mich überhaupt aus meiner Suite wagte, dann kaum weiter als bis in die nächste Bar. Dort trank ich Ingwertee und bestaunte das scharfe Gleiten der Albatrosse. Sie spielten mit dem Wind, als hätten sie ihn bestellt.

Es klopft an, und Sady tritt ein. Er trägt Frack und Fliege, seine Hände stecken in blütenweißen Handschuhen. Man kann gar nicht anders, als an den Auftritt eines Butlers in einem Volkstheater zu denken. Ich wiederum gebe den Herrn Baron – in einem Morgenmantel mit Wappen. Sady tut aber nicht nur so, er ist tatsächlich mein Diener. Das Frühstück serviert er mit umständlicher Grazie. Allein das millimetergenaue Ausrichten des Bestecks ist varietéreif. Klischee und Wirklichkeit liegen perfekt aufeinander. Als ich ihn später googele, bin ich fast enttäuscht. Auf einer kirgisischen Facebookseite begegne ich einem Bilderbuchhipster mit Pork-Pie-Hut und Rapper-Geste.

Silver Cloud heißt unser Boot und wurde gerade erst vom normalen Kreuzfahrtschiff zum Eisbrecher für Polregionen umgerüstet. Jetzt ist es eins von mehr als zwei Dutzend "Expeditionsschiffen", die zur Antarktischen Halbinsel fahren. In Wahrheit aber handelt es sich um einen seetauglichen Tempel der Verwöhnung: Goldene Treppen winden sich durch eine Welt aus moosweichen Teppichen, Marmor und Wandnischen, in denen bronzene Tänzerinnen posieren. Aus versteckten Boxen seufzen Geigen, fast alle Kabinen sind elegante Suiten in Beige, Petrol und Perlgrau. Und das Verhältnis zwischen Passagier und Personal beträgt eins zu eins.

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Der Preis für diesen Luxus ist happig, fällt aber für viele kaum ins Gewicht. Die Once-in-a-lifetime -Erfahrung Antarktis ist ohnehin elitär. Wie um zusätzlich dafür zu sorgen, dass sie es auch in Zukunft bleibt, haben sich die Anbieter selbst kostspielige Beschränkungen auferlegt. Zum Beispiel haben sie sich dazu verpflichtet, mit teurem Diesel statt dreckigem Schweröl zu fahren. Und höchstens 500 Passagiere pro Schiff mitzunehmen. Da obendrein nicht mehr als 100 gleichzeitig von Bord dürfen, teilt die Silver Cloud ihre 200 Gäste in vier Gruppen ein. Es gibt eine rote, eine grüne, eine braune und eine schwarze. Ich bin in der roten. Tief im Schiffsleib warten wir jetzt auf den ersten Landgang. Der führt mit Schlauchbooten auf ein Inselchen namens Aitcho, das zur Gruppe der Südlichen Shetlandinseln gehört. In unseren signalroten Thermoparkas trippeln wir vorfreudig-nervös auf der Stelle. So muss sich Neil Armstrong vor seinem Mondspaziergang gefühlt haben.

Draußen geht ein Wind wie eine Armada Sushimesser. Gebückt titschen wir über das Polarmeer und versuchen dabei so entschlossen zu gucken wie Amundsen, Scott und Shackleton auf den Heldenfotos in unseren Suiten. Sie lieferten sich Wettrennen zum Südpol, als die Antarktis noch Terra incognita war. Gleich nach der Landung hellen sich unsere Mienen auf. Wir stehen inmitten von Esels- und Zügelpinguinen, deren Gewusel an eine elektrisch animierte Spielzeuglandschaft denken lässt. Geschäftig schleppen sie Steine für ihre Nester heran, mopsen sich gegenseitig die schönsten Stücke, zanken sich um Möwenfedern. Und überall leuchten pinkfarbene Muster, als seien Graffitisprayer hier gewesen. Doch die Pinguine sprühen selbst: Es ist ihre von Krillkrebsen poppig gefärbte Notdurft, die sie fast einen Meter weit im Kreis um ihre Nester hinausstrahlen und so Mandalas aus Scheiße in den Schnee zeichnen. Kenner reden von Guano, aber das macht es nicht besser. Es ist, was es ist. Und riecht auch so.

"Umgerechnet auf den Menschen, frisst jeder Pinguin 600 Hamburger in acht Stunden. Da kommt was zusammen", sagt Malcolm. Der Australier mit dem wirkungsbewussten Schelmengrinsen ist Ornithologe und gehört zum 23-köpfigen Expeditionsteam, das sich um die Passagiere kümmert. Immerzu schaut Malcolm, als freue er sich über etwas, was andere noch nicht wissen. Und er ist nicht der Einzige. Auch unsere Meeresbiologen, Geologen und Historiker gucken so.

Warum ein Botaniker mitreist, versteht keiner – mehr als ein bisschen Moos wächst hier nicht. Vielleicht ist er deswegen immer mit der Markierung der Wegstrecken beschäftigt. Keiner unserer Schritte wird nämlich dem Zufall überlassen. Am Nachmittag halten wir in Yankee Harbour, wo der Engländer mit dem Gartenzwergbart einen dösenden Seeelefanten bewacht, den er durch gekreuzte Stangen vor uns schützt. "Das muss so sein", stöhnt Expeditionsleiterin Karan. "Für alles und jedes gibt es Vorschriften in der Antarktis, und es werden immer mehr." Sie muss es wissen. Karan war schon 150-mal hier.