Am Morgen weckt sie uns alle über Lautsprecher in einem vernünftelnden Ammenton – jeder soll kapieren, wann seine Schlauchbootgruppe dran ist. Wer will, kann einmal pro Reise stattdessen mit einer Kajaktruppe ausrücken. So wie ich heute. Nach dem Frühstück sitze ich in einem gelben Tandemboot, und die Sonne scheint über der stahlblau leuchtenden Bucht von Cierva Cove. Wie Entenkinder paddeln wir der Chefkajakerin Valery hinterher.

Während des Winters bildet sich an der Küste ein drei Meter dicker Eisring über dem Meer, der die Fläche der Antarktis verdoppelt. Im Sommer zersplittert er zu Treibeis, durch das wir heute schippern. Manche Eisstücke haben die Größe von Fußbällen, andere die von Wohnblocks. Ein Puzzle, das immer in Bewegung und nie fertig ist. Und ein Heer fantastischer Formen. Hinter mir im Kajak sitzt Bob, einer dieser weißhaarigen Amerikaner, die spielend jeden Hemingway-Ähnlichkeits-Wettbewerb gewönnen. Ständig rufen wir uns neue Assoziationen zu: Schwan, Schildkröte, Kaiserkrone, Formel-1-Auto, Märchenschloss, Pilz, Frauentorso, Düsenjet, Lenin mit ausgestrecktem Arm.

Plötzlich schießen ringsum Fontänen in die Luft. Buckelwale, 15 Meter lang und 30 Tonnen schwer. Die acht Tiere kommen uns so nah, dass es die Boote bei jedem ihrer Manöver anhebt. Einer der Riesen dreht sich zur Seite und schaut uns direkt in die Augen. Sein Gesicht sieht aus wie ein U-Boot-Bug mit aufgemaltem Grinsen. Bob und ich blicken uns an und möchten etwas sagen. Aber wir bringen keinen Ton heraus.

Kaum habe ich mich später aus dem Neopren gepellt, ertönt schon wieder Karans "Dear Ladies and Gentlemen". Sie mahnt zum Abmarsch. Das recap, die tägliche Rekapitulation, steht an im Theaterrund der Explorer’s Lounge, wo die Experten den Tag resümieren. Meeresbiologin Robin erzählt so wunderbar von den Walen, dass ich ganz ergriffen bin. Trotzdem flackern unangenehme Erinnerungen an meine Schulzeit auf. Schuld ist ein Wichtigtuer aus Mailand, der sich pausenlos fingerschnippend meldet, um dann im Ton einer gestopften Trompete Unsinn zu fragen. Auf dem Schulhof hätte er sich eine Abreibung eingefangen.

Abends speist mein Quälgeist immer im La Terrazza auf Deck sieben, wo er mit Connaisseurschnute den Chianti gurgelt. Im La Dame bin ich vor ihm sicher. Poliertes Teak und rote Säulen schaffen hier einen Anflug von Belle Époque. Und das französische Sechs-Gänge-Menü ist ein Hochamt. Allein vor der Hummerschwanzsuppe möchte man auf die Knie sinken.

In allen vier Restaurants an Bord herrscht freie Sitzwahl. Fürs La Dame habe ich mich mit Flip und Margaret verabredet, zwei Boxring-Ärzten aus Las Vegas. Flip betreute 1997 den legendären Schwergewichtskampf zwischen Mike Tyson und Evander Holyfield, in dem Tyson seinem Kontrahenten ein Stück Ohr abbiss. Zum Grand-Marnier-Soufflé erklärt mir Flip, warum er den "bite fight" damals zunächst weiterlaufen ließ.

Durchschnittstypen findet man kaum unter den Passagieren. Anderntags esse ich mit den Brüdern Kent und Lee aus Vancouver, die beide 747-Piloten sind. Nehme einen Drink mit einem italienischen Rallyefahrer. Treffe eine grünhaarige Schauspielerin aus London zum Tee. Oder fachsimple mit einem chinesischen Fifa-Funktionär über die Champions League. Es ist, als sei ich in einen Film geraten, dessen Drehbuch Tag für Tag eigens für mich geschrieben wird.

Irgendwann fällt mir auf, dass die Nebendarsteller längst zu meinen Helden geworden sind: Mario und Darryl, Henry und Vladimir, Francisco und all die anderen, fast ausnahmslos philippinischen Kellner in ihren rabenschwarzen Anzügen. Wie schaffen sie es nur, dass ich immer glaube, sie bewirteten mich als ihren Kumpel? Nie habe ich das Gefühl, über ihrer Freundlichkeit hänge die Schürze der Pflicht. Anbiedernde Gesichtsklimmzüge sind ihnen fremd, ihr Lächeln ist eine ansteckende, allein durch Gebrauch nachwachsende Kraft, die mich durch den Tag trägt wie der Wind die Albatrosse.

Ein paar der Angestellten dürfen jedes Mal mit zum Landgang. Auf Danco Island ist Marcelo aus Manila darunter, der strahlt, weil er hier zum ersten Mal im Schnee steht. Er riecht sogar daran. Für die Pinguine dagegen hat er kaum Augen. Uns aber versetzen die tapferen Kerle gleich wieder in Kicherstimmung. Sie pendeln zwischen Nestern und Meer und erklimmen dabei einen viel zu steilen Berg. Beim Schlidderkurs bergab wirken sie wie Ski-Anfänger, die versehentlich auf die schwarze Piste geraten sind.