Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Werder an der Havel. © Christine Oppe

Einst glaubten die Menschen, die Influenza (lat. influere = hineinfließen) gehe auf den Einfluss ferner Sterne zurück. Obwohl wir die Zusammenhänge heute besser verstehen, ändert dies nichts daran, dass Mensch und Mikrobe einander auch fürderhin wechselseitig beeinflussen werden. Eine Pandemie galt den klassischen Historikern als Naturereignis, ähnlich einem Vulkanausbruch. Ihr Credo: Menschen machen Geschichte, nicht höhere Mächte, nicht das Erdinnere, nicht das Wetter und nicht die Mikroben.

Das stimmt und es stimmt nicht. Verborgene mikrobiotische Prozesse, Mutationen und Anpassungen fallen uns erst auf, wenn zum Beispiel an einem Ende der Welt eine Ebola-Epidemie ausbricht. Das Wort "ausbrechen" gebrauchen wir auch für die Eruption eines Vulkans oder einer angestauten Wut: Weil kaum vorhersagbar ist, wann, wo, wie es zu einem Ausbruch kommen wird. Pandemien sind Indikatoren, die Spanische Grippe von 1918 zeigt uns Heutigen die Welt des beginnenden 20. Jahrhunderts in ihrer Anfälligkeit und Verletzlichkeit. Sie wirkte wie eine Probe auf die Behauptungen der Moderne. Die Jahre dieser grassierenden und dabei mutierenden Influenza sind Zeiten intensiver Selbsterfahrung einer Weltbevölkerung, die sich in der Katastrophe erst als solche wahrnahm. Die egalisierende Wucht der Seuche ließ die Welt näher zusammenrücken, man war genötigt, sich über Gegenmittel auszutauschen, Forschungen, Medikamente rasch zu verbreiten. Doch im Zuge dieser Egalisierung zeigten sich auch die kulturellen Differenzen mit besonderer Schärfe.

Die Pandemie von 1918 schaffte weltweite Blickachsen, die es wohl nur ausnahmsweise gibt. Die Krankheit wurde instrumentalisiert, sie lieferte politischen Gegnern Argumente, die soziale Distanz wurde als Cordon sanitaire zum Gebot der Stunde. Es gab Deutungsversuche, die ins Mittelalter zurückgriffen und vom Zorn Gottes kündeten. Eine "schwarze Hochzeit" galt als kollektiver Heilungsversuch. Es grassierten irrationale Schuldzuweisungen, man versuchte, sich abzugrenzen von Einwanderern, Fremdlingen aller Art, sie waren der unsauberen Einschleppung verdächtig. Die Pandemie wirkte auch in entgegengesetzter Tendenz, als alle sozialen, politischen und religiösen Schranken übergreifende Heimsuchung der Menschheit. Sie förderte nicht nur die Wissenschaften, sondern markierte auch deren Begrenzung – und die der Welt.