Weit im Westen Deutschlands, jenseits des Rheins, wo das Ruhrgebiet ins Niederrheinische übergeht, zieht sich durch einen Außenbezirk der kleinen Stadt Neukirchen-Vluyn eine Straße, die nach zottigen Kühen auf sattgrünen Wiesen klingt: die Kerrygoldstraße. Vor zehn Jahren verlegte der irische Butterhersteller seine Deutschlandzentrale dorthin. Die Stadt spendierte ihm dafür einen eigenen Straßennamen.

Kerrygold ist nicht das einzige Unternehmen, das seine eigene Straße bekommen hat. Vom BMW-Werk in Leipzig führt die BMW-Allee bis zur Autobahn A 14. In Darmstadt heißt jene Straße, welche die weitläufige Niederlassung der Deutschen Telekom erschließt: Deutsche-Telekom-Allee. Sie geht über in die T-Online-Allee, an der wiederum Eumetsat seinen Sitz hat, die Europäische Organisation für meteorologische Satelliten. Deren Haupteingang allerdings liegt auf der anderen Seite des Gebäudes – genau! – an der Eumetsat-Allee.

Muster wie diese finden sich überall im Land. Wo sich Unternehmen oder Institutionen ansiedeln, belohnen die Kommunen sie gern mit einem Straßennamen. Diese fordern Kapitalismuskritik geradezu heraus: Werden heute selbst Postanschriften zu Werbeflächen? Kann man Straßennamen kaufen? Man kann. Zum Beispiel in Blumberg. Der kleine Ort vor den Toren Berlins verkaufte Mitte der neunziger Jahre einige Straßennamen an örtliche Unternehmen. Nun gibt es eine Möbel-Hübner-Straße. Und die McDonald’s-Straße.

Man mag sich darüber empören, doch eigentlich sind diese Namen nichts anderes als die vielen mittelalterlichen Wegmarken, die sich hierzulande finden lassen. Diese wie jene beschreiben, was sich wo befindet. Früher war es die Metzgergasse, heute ist es eben die BMW-Allee.

Straßennamen - »Am Sportplatz« passt gut auf ein Schild Die Deutschen benennen ihre Straßen oft nach praktischen Erwägungen – oder nach den großen Dichtern. Unser Videoüberblick zeigt: Bedeutende Frauen sind unterrepräsentiert. © Foto: Liza Arbeiter

Straßennamen erzählen vom Leben. Manche anschaulich, manche abstrakter. Aber alle sagen etwas über das Leben der Menschen an einem Ort aus, wie sie arbeiten und wohnen, woran sie glauben und worauf sie hoffen.

Mehr als eine Million Straßen und Plätze gibt es in Deutschland. ZEIT ONLINE hat ihre Standorte und ihre Namen in einem Datensatz zusammengefasst und analysiert. Wobei Straße nicht immer "Straße" heißt. Auf "-straße" endet nur etwas mehr als die Hälfte aller Einträge. Daneben gibt es fast 290 000 Mal "-weg", 33 000 Mal "-gasse" und "-gässchen" sowie 23 000 Plätze. Hinzu kommen "-hof", "-kamp", "-ring", "-chaussee" und "-allee".

Insgesamt finden sich in dem Datensatz 450 000 unterschiedliche Namen. Manche gibt es hundertfach, einige nur ein einziges Mal. Viele sind schon sehr alt, andere frisch vergeben. Unter den tausend häufigsten Straßennamen erinnert fast jeder fünfte Name an Personen oder historische Ereignisse.

Zufällig gewählt ist jedenfalls kaum einer. Jeder Name trägt einen Sinn in sich, mag dieser auch verschüttet sein oder sich in seiner Bedeutung gewandelt haben. Wie Schichten einer archäologischen Fundstätte haben sie sich übereinandergelegt. Wenn man vorsichtig gräbt, dann führen die Namen vor Augen, wie sich das Leben und Denken der Menschen über die Jahrhunderte hinweg verändert hat. Sie sind Mosaiksteine der Identität unseres Landes, seiner Regionen, Städte und Dörfer.

Entstanden ist dieses kulturelle Artefakt aus der schlichten Notwendigkeit, sich auch dort zurechtfinden zu können, wo mehr Menschen lebten, als man persönlich kannte. Und um anderen den Weg weisen zu können.

Am Anfang waren Name und Alltagsbedeutung noch offensichtlich miteinander verbunden, deshalb gab es noch keine Straßenschilder. Wer im Mittelalter beispielsweise von Lübeck nach Wismar an die Ostsee reiste und einen Gerber suchte, um Leder zu kaufen, der wurde in die Gerberstraße geschickt. Tuche gab es bei den Webern in der Weberstraße, die Lager der Kaufleute lagen an der Speicherstraße, und wenn diese Kaufleute geschäftlich auf dem Land unterwegs gewesen waren und dann wieder heim nach Lübeck fahren wollten, nahmen sie die Lübsche Straße. Über viele Jahrhunderte haben sich diese Namen erhalten, noch heute spiegeln sie die mittelalterliche Struktur des Umlandes der Hansestadt.