Erinnert sich noch jemand an die Sperrmülltage? Besser gesagt: die Sperrmüllnächte, in denen alles, was der Bürger loswerden wollte, auf eine unentgeltliche Entsorgung durch die Stadtreinigung warten durfte, tatsächlich aber von Studenten, Trödlern, Sammlern im flackernden Licht ihrer Taschenlampen wieder aufgelesen wurde. Auch diese Spektakel, die sich Anfang der siebziger Jahre entfalteten, waren eine Reaktion auf 1968. Sie könnten mit gleichem Recht als Chiffre der Zeit genommen werden wie die Bilder von den Pariser Mai-Unruhen. Im kollektiven Entrümpelungswahn zeigte sich, dass der Studentenprotest im Lebensgefühl der Bevölkerung angekommen war: Alles Bestehende musste weg, alles Überkommene wurde als wurmstichig wahrgenommen, zerfressen vom Ungeist der Väter und Vorväter.

Eine neue Zeit verlangte gebieterisch die Neumöblierung. Um dies zu empfinden, mussten keine Flugblätter gelesen werden, es genügte das neue bunte Popdesign, das sich in heimlichem Gleichschritt mit der Studentenbewegung Ende der sechziger Jahre entwickelt hatte. Alles wurde schockfarbig, rund und wuchtig und aus Plastik hergestellt, von der Lampe bis zum Toaster. Es war zum ersten und vielleicht historisch letzten Mal seit dem Jugendstil, dass ein Totaldesign sämtliche Lebensbereiche erfasste und alles Frühere welk und erschöpft aussehen ließ. Der ererbte Hausrat wirkte moribund wie die sterbenden Klassen, die in den marxistischen Traktaten der linken Aktivisten beerdigt wurden.

Die Neuentdeckung des Jugendstils

Wie es denn überhaupt in die Irre, auf jeden Fall zu Missverständnissen führt, immer nur 1968 als Stichjahr einer Epoche zu nennen, die Jahre zuvor begann und erst Ende der Siebziger auslief. 1968 bündelte sich der politische Protest, aber Aufbegehren und Aufbruch gingen weit über die Linke hinaus. Die Epoche gehörte genauso den Hippies, der Flower-Power-Bewegung, die es schon gab, wie den modischen Exzessen, die mit den psychedelischen Pucci-Mustern der Blusen und Kleider, den schwalbenschwanzgroßen Krägen und überbreiten Krawatten und den Langhaarfrisuren die bürgerliche Welt unterwarfen. Die Revolution war ebenso eine Konsumrevolution.

Die Epoche, die sich kokett durch Drogen, Sex und Rock ’n’ Roll definierte, war aber auch, und das macht ihre anhaltend interessante Dialektik aus, eine Epoche der Nostalgie. Nicht zufällig entdeckte man damals den Jugendstil neu, und seine floralen Stilelemente wucherten, wenngleich lustvoll vergröbert, mit Macht in das Popdesign hinein, in seine Schrifttypen und seine Schallplattencovergestaltung. Und weil man schon dabei war, entdeckte man auch das Fin de Siècle neu, die Dekadenz, den Dandy, die Orchidee und den schwülen Duft der sterbenden Bourgeoisie. Da das Bürgertum wieder einmal zu Grabe getragen werden sollte, war es dialektisch zwingend, auch seinen ersten, zur Jahrhundertwende diagnostizierten Tod begierig und nostalgisch zu betrachten.

In diesen Zusammenhang gehört es, dass die ausrangierten Möbel am Straßenrand nicht bei der Müllabfuhr verschwanden, sondern vor allem von Studenten aufgesammelt und in die Wohngemeinschaften geschleppt wurden, in denen sie aber keine neue Restauration begründeten, sondern durch den Umzug neu codiert wurden. Sie standen dort, tütenblau oder orange lackiert, als ironische Zeichen, Beutestücke aus dem Bestand der Bourgeoisie oder aber auch, andersherum gesehen, als revolutionäre Reminiszenzen an die Zeit der ausgebeuteten Arbeiter. Man musste nur ein Foto von Rosa Liebknecht darüberhängen, und da war auch sie vor einem wilhelminischen Vertiko zu sehen.

Allein schon die Historie der Arbeiterbewegung brachte die Nostalgie ins Epochenbild. Genauso allerdings eine ungemütliche Dialektik, und tatsächlich zeigte sich bald, dass die Studentenbewegung im Schnelldurchgang die Geschichte noch einmal nachbuchstabierte, vom Aufbruch bis zur Entgleisung der sozialistischen Ideale in Stalinismus und Maoismus. Interessanterweise ist das auch sogleich gespürt worden, in einem der Lieder der Epoche, in dem Song Revolution, witterten die Beatles schon den Hass und den Gesinnungsterror, der bald darauf die Universitäten eroberte, und in dem Lied von der Village Green Preservation Society nahmen die Kinks die Logik vorweg, die vom Antikapitalismus über die Ökologie zur reaktionären Beschwörung nationaler Größe führen kann. Beide Songs erschienen 1968; insofern hat es auch wieder seine Berechtigung, wenn das Jahr als Abbreviatur der ganzen Epoche genannt wird.