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Eine türkische Redewendung lautet: "zum Kraushaar werden". Das sagt man, wenn eine Situation ganz verwickelt ist. Es passt auf die jüngst in Syrien gestartete türkische Offensive. Die Region ist militärisch und politisch ein Minenfeld. Hier sind sämtliche Akteure des Nahen Ostens vor Ort: die USA, Russland, Syrien, die Kurden, der IS, der Iran. Nun stieß die türkische Armee mitten ins "Kraushaar" hinein.

Im Grunde hatte die Krise eine Woche zuvor begonnen, als die USA ankündigten, eine hauptsächlich aus YPG-Kämpfern bestehende 30.000 Mann starke Truppe an der syrisch-türkischen Grenze aufzustellen. Das nahm die Türkei, für die die YPG eine Terrororganisation ist, als Kriegserklärung. "Wir sind entschlossen, sie auszuschalten", hieß es aus Ankara. Hier kollidierten die Interessen zweier Verbündeter, die beständig wachsenden Spannungen zwischen Ankara und Washington erreichten einen Höhepunkt.

Für die USA ist die YPG wegen ihres Kampfes gegen den IS ein unverzichtbarer Alliierter in der Region, für Ankara hingegen der verlängerte Arm der türkischen militanten PKK in Syrien. Bei einem Blick auf die Landkarte ist Ankaras Besorgnis offenkundig: Sollten sich die Kurden von Manbidsch und Afrin zusammentun, würde an der syrischen Grenze zur Türkei ein rein kurdisches Gebiet entstehen, ein "kurdischer Staat an der Grenze", was Ankara seit Langem fürchtet. Die Offensive will das verhindern und soll den Kurden den Zugang zum Mittelmeer verwehren.

Russland, das mit der YPG verbündet ist, öffnete der Türkei erstmals den Luftraum und ließ die Bombardierung zu. Warum? Ein beachtlicher Gewinn dürfte bereits die Eskalation der Spannungen zwischen Ankara und den USA sein sowie die Entstehung einer "Interessengemeinschaft" mit dem Regime in Damaskus. Verlierer sind die Kurden, sie wurden von den USA und von Russland im Stich gelassen.

Was Erdoğan betrifft: Der Krieg "Olivenzweig" beschaffte ihm im Inneren die benötigte nationale Einheit. Die nationalistische Oppositionspartei MHP zog es auf seine Seite, auch die sozialdemokratische CHP, die Kurden sind isoliert. Antikriegskundgebungen wurden verboten, in der Presse wurde jedwede Gegenstimme untersagt. Sollte die Offensive Erfolg haben, wäre niemand verwundert, wenn Erdoğan blitzartig Wahlen ansetzte.

Langfristig wird es nicht ohne Folgen bleiben, dass die vor fünf Jahren eingeleitete Dialogphase mit der PKK nun wieder in Krieg kippte. Es sei aber daran erinnert, dass die mehr als 25 Militäroperationen der Türkei im Laufe der letzten 25 Jahre die PKK im Irak nicht zerschlagen konnte.

Ankara spielt in einer gefährlichen Region ein riskantes Spiel. Da passt der Ausdruck "Kraushaar".

Aus dem Türkischen von Sabine Adatepe