Um den Titel des blödesten Songs auf der neuen Platte von Tocotronic streiten sich zwei Stücke. Das eine heißt Hey Du und berichtet zu Gitarrenbrettersound und zehnsekündigem Quietschsolo von manspreading und homophoben Beleidigungen in deutschen Fußgängerzonen: "Hey du / Was starrst du mich an / Breitbeinig auf der Bank? / Bin ich was, das du nicht kennst / Dass du mich Schwuchtel nennst?" Das andere Lied heißt 1993 und erzählt im Stil eines Radiowerbejingles, wie der Tocotronic-Sänger Dirk von Lowtzow aus dem Schwarzwald nach Hamburg kommt, um mit seinen Saufkumpanen Arne Zank und Jan Müller die Band zu gründen. Beide Stücke profitieren davon, dass Tocotronic seit 25 Jahren darauf verzichten, ihre Instrumente übermäßig gut zu beherrschen. Schon letztes Jahr erschienen Hey Du und 1993 auf einer Vinyl-Single. Ein titanisches Meisterstück der musikalischen Blödheit, das man natürlich unbedingt besitzen musste.

Irgendwann ist noch jede Rockband ihr eigener größter Feind geworden. Manchmal passieren dann die besten Sachen. Aber gilt das auch für Tocotronic? Bei der Arbeit an ihrem zwölften Album Die Unendlichkeit entdeckte von Lowtzow das autobiografische Schreiben für sich – nicht im protokollarischen Stil seiner ersten Songtexte, sondern als großer Bogen, der in zehn Kapiteln plus Prolog und Epilog eine Auswahl von Schlüsselmomenten seines Lebens beleuchtet. Im März wird von Lowtzow 47 Jahre alt, und bisher hatte man ihn nicht auf der Rechnung als Freund von Rückblicken und Einblicken ins Private. Autobiografie heißt aber: Einordnung, Eitelkeit, alle Augen auf mich. Dem Genre haftet (Fußballerversuche ausgenommen) ein eher abtörnender Großkünstlergestus an. Entweder will jemand am eigenen Beispiel die Welt erklären. Oder er versucht, mit schön verpackten Halb- und Unwahrheiten davonzukommen. Letzterer Ansatz passt noch am ehesten zum Echtheitsverweigerer und Flunkerfreund von Lowtzow. Diesmal aber singt er: "Ich gebe dir alles / Und alles ist wahr." Was will er damit bezwecken?

Zunächst einmal: Ausgrenzung, Anfeindung, Abgrenzung. In chronologischer Reihenfolge berichtet Die Unendlichkeit von Momenten der Wahrheit auf dem Kita-Spielplatz und von den eingangs erwähnten Fußgängerzonen-Machos, von erster Liebe über den Dächern der Kleinstadt und einer Rock-’n’-Roll-Erweckung im Souterrain des elterlichen Reihenhauses. Die Erzählung macht Tempo, die Gitarre zieht mit. Als von Lowtzow in Hamburg aufschlägt, sind schon 22 Lebensjahre und das halbe Album an einem vorbeigeflogen. Der Sänger textet geradlinig wie seit Ende der neunziger Jahre nicht mehr. Es gibt kaum Anspielungen für die Literatur- und Theorie-Crowd, selten mal ein Kreuzworträtselwort, kein Zeitkolorit, das lebendiges Erzählen oder ein gutes Gedächtnis vortäuschen könnte. Stattdessen meldet sich die Musik zu Wort: Vielseitig und detailversessen trägt sie die Geschichten mit, schafft Zusammenhänge zwischen von Lowtzows Erinnerungen und seinen Lieblingsbands aus der zugehörigen Lebensphase. Die Kindheit wird illustriert von einer tocotronischen Version des infantil-dämonischen Spieltriebs, den die Beatles in ihrer zweiten Karrierehälfte an den Tag legten. Später stirbt ein Freund zu Kirchenmusik und Anverwandlungen aus dem Orffschen Schulwerk.

Meistens ist es die europäische und nordamerikanische Popgeschichte, die den Bezugsrahmen stellt. Was halt so hängen bleibt, wenn man 30 Jahre Spex liest. Und doch ist Die Unendlichkeit das erste Album von Tocotronic, das man als typisch deutsch bezeichnen könnte. So wie die Bandmitglieder beim Abgleich ihrer Biografien auf ungeahnte Parallelen stießen, findet man sich auch als Hörer mit behüteter Westjugend und vagen Ausbruchsfantasien ständig auf diesem Album wieder. Oft in niedlichen Das-kenn-ich-doch-genauso-Momenten, manchmal auch, wenn es um Dinge geht, die mehr Gewicht haben als "Apfelkorn an der Bushaltestelle" und andere Anekdoten aus von Lowtzows persönlicher Schwarzwaldhölle.

Die zweite Hälfte der Unendlichkeit ist düsterer und schwerer zu greifen als die erste mit ihrer Coming-of-Age-Thematik. Sexuelles Ausprobieren, drohende Sucht und Vereinsamung treten an deren Stelle. Das Lied über von Lowtzows zweiten Umzug (er lebt jetzt in Berlin) hat nichts mehr von der Thekenromantik aus 1993. Es geht um die schiefen Zähne der Stadt oder eines Menschen, der in ihr lebt. Streicher holen zu staatstragenden Gesten aus, von Lowtzow singt: "Du bist nicht schön / Doch auch kein Biest". Wir schreiben das Jahr 2003, aber richtig sein wird dieses Bild von Berlin auch dann noch, wenn der Flughafen fertig ist.

Tatsächlich kann man den Titel Die Unendlichkeit als Seitenhieb auf ein Land verstehen, in dem sich seit den frühen siebziger Jahren scheinbar gar nichts verändert hat. Das Album findet banale und profunde Belege dafür: Früher gab es im Zug ein Bordtelefon, aber niemand besaß die dafür nötige Telefonkarte. Heute hat jeder im ICE ein Handy, aber niemand hat Empfang. Die Schwarzwald-Macho-Pöbler von einst lungern nicht mehr in der Fußgängerzone herum – doch sie wüten weiter, in den Kommentarspalten im Internet.

Neben solche Kuriositäten setzt von Lowtzow Verweise auf die unheilvolle Stimmung im Deutschland seiner Teenagerjahre. Tschernobyl, Waldsterben und Kalter Krieg: Der kleinste Schubser schien die Welt unwiederbringlich aus den Fugen heben zu können. Die Menschheit verkrampfte zwischen Abschottung und Aufrüstung. Man müsste nur ein paar Namen, Staaten und Frisuren austauschen und wäre im Weltgeschehen von heute angekommen. Auch von Lowtzow singt das Ende herbei, mit süßen Worten allerdings. Der vorletzte Song auf diesem Album, Mein Morgen, ist zugleich Zukunftsvision einer aufgelösten Welt und Schlusswort gegen alles Identitäre – mit Glockenspiel und Schunkelbeat. Ein Song für die Unendlichkeit. Wie lange sie auch noch dauern mag.