Tausende Professoren und Wissenschaftler wurden nach dem Putschversuch in der Türkei entlassen. An den Universitäten herrschen Wut und Angst.

Es ist ein sonniger Wintertag in Ankara. Professor Galip Yalman begrüßt seine Studenten mit einem ironischen Lächeln. Das schöne Wetter hat offenbar zu einer leichten Verspätung geführt. Rund 30 Studenten kommen in den Seminarraum, mehr Frauen als Männer, die Tische sind halbkreisförmig arrangiert, jeder kann jeden sehen.

Die Fakultät für Politikwissenschaften liegt versteckt unter einem Baldachin aus Kiefern auf dem großen Campus der Technischen Universität des Nahen Ostens, nach ihrem türkischen Namen ODTÜ abgekürzt. Sie ist eine der renommiertesten Universitäten des Landes, mit über 2.000 Lehrenden, 28.000 Studierenden und einem riesigen Netzwerk von Alumni.

Unter normalen Umständen stünde hier im kleinen Seminarraum von Professor Yalman eine gewöhnliche Diskussion über liberale Staatstheorien auf dem Programm. Es ginge dabei um "Ordnung" und darum, welche Rolle der Staat bei der Herstellung von Ordnung spielt. Doch "normale Umstände" herrschen in der Türkei längst nicht mehr.

Säuberungsaktionen gehören inzwischen zum Alltag

"Staatstheorien sind nicht nur etwas für wissbegierige Studenten – sie wirken sich direkt auf unseren Alltag aus", sagt Yalman zu Beginn. Im Laufe des Seminars muss er Präsident Tayyip Erdoğan und den Prediger Fethullah Gülen, den die Regierung für den Putschversuch von 2016 verantwortlich macht, gar nicht erwähnen – auch so weiß jeder im Raum, dass er über die politisch und gesellschaftlich gespaltene Türkei der Gegenwart spricht. Das Land ist geplagt von sozialen Unruhen, militärischen Konflikten und einer autoritären Regierung.

Nach dem gescheiterten Staatsstreich vom 15. Juli 2016 erklärte die türkische Regierung den Ausnahmezustand. Erdoğan und seine AKP regieren das Land seitdem vor allem durch Notstandserlasse, die nicht durchs Parlament müssen. Säuberungsaktionen gehören zum Alltag, die Regierung nennt es: den Staatsapparat von Putschisten und Terroristen befreien. Die Methode ist zu einem bequemen Mittel geworden, jedwede abweichende Meinung zu unterdrücken.

Hochschullehrer hatten sich den Zorn der Regierung schon vor dem Putsch mit der Initiative "Akademiker für den Frieden" zugezogen. Über tausend Wissenschaftler forderten in einem offenen Brief ein Ende des bewaffneten Vorgehens gegen die Kurdenaufstände im Südosten des Landes.

Die Verfolgung durch die Regierung ist seither fester Bestandteil des universitären Lebens. Noch vor wenigen Wochen wurden 50 Menschen verhaftet, als die Polizei gegen die Fatih-Universität in Istanbul vorging. Die jüngste einer ganzen Reihe von Attacken auf die Wissenschaft. Zwischen September 2016 und August 2017 gab es neun Erlasse, die zur Kündigung von fast 6.000 Wissenschaftlern und über 1.000 Verwaltungsangestellten führten. 15 private Unis wurden ganz geschlossen.

An den meisten türkischen Hochschulen herrscht Angst. Vor dem Jobverlust – und der wissenschaftlichen Bedeutungslosigkeit. Gewählte Rektoren wurden abgesetzt und durch Personen ersetzt, die die Gunst der AKP genießen.

Professor Yalman bittet seine Studenten, die Theorien vor dem Hintergrund der aktuellen politischen Lage zu betrachten und kritisch an das Thema heranzugehen. "Kann man eine Staatsstruktur verändern?", fragt er. Regierungskritische Äußerungen in Vorlesungen und Seminaren sind an türkischen Unis heikel, nicht selten führten sie zu strafrechtlichen Verfolgungen. Aber eine Handvoll Hochschulen, an denen frei über derart "riskante" Themen gesprochen wird, existiert noch. Die Technische Universität des Nahen Ostens in Ankara ist eine davon.

Der 67-jährige Professor Yalman ist selbst Absolvent der ODTÜ und Teil der türkischen 68er-Generation. Auf dem Campus ist er eine Legende. Er hat schon viele unruhige Phasen an türkischen Hochschulen miterlebt. Wie Akademiker das Land verließen, wie sie unter Protest von ihrem Amt zurücktraten, wie sie aus den Hochschulen gejagt und ins Gefängnis gesteckt wurden. In den Jahren nach dem Militärputsch von 1980 musste auch er seine Arbeit eine Weile ruhen lassen. Trotzdem sagt er: "Der Zustand der akademischen Welt ist so schlimm wie nie." Die türkische Wissenschaft erlebe einen Zusammenbruch.