Immer wenn ich einen Baumarkt betrete, bohrt sich eine düstere Furcht durch meine Seele. Ist das Leben denn nichts als ein einziges Rechtfertigen der eigenen Defizite? Ich bin handwerklich unterbegabt, von Geburt an. Zwei linke Hände wie zwei blinde Fische. Ich kann die Gesellschaft nicht für diese Unzulänglichkeit beschuldigen. Oder nur einen sehr kleinen, mit mir verwandten Teil. Ich kann sie aber sehr wohl für den Umgang mit meinem Geburtsfehler anklagen. Sie hat mir schließlich eingebläut, dass ein gelungener Mensch zu wissen hat, welche Dübel aus der Hundertschaft vorhandener Dübel für einen Tellerschrank die einzig vorbestimmten sind. Mich darauf konditioniert, dass ein gelungener Mensch Teppichmesser geradlinig durch Materie zu dirigieren hat. Dass er Bierflaschen mit einem Feuerzeug enthaupten und den motorischen Mut zum Autofahren finden muss.

Wir leben in einer Art Erb-Werkschuld. Im unerbittlichen Diktat handwerklicher Geschicklichkeit! Vielleicht weil Jesus Zimmermann war. Vielleicht weil es keine unmittelbarere Art gibt, die Gegenwart beherrschbar erscheinen zu lassen, als mit den eigenen Händen. Vielleicht weil Menschen aus ihren Vorteilen immer auch Macht ziehen. Keine Ahnung, woher die Obi-Mitarbeiter immer wissen, dass man Fische als Hände hat. Aber sie wissen es. Und sie lassen es einen spüren.

Wer das Diktat nicht erfüllt, ist ein Tollpatsch, Evolutionsschwänzer, asozialer Lustvogel, ja ein Volksfeind letztlich! Denn nicht richtig mit anpacken (können) ist immer politisch. Schluss damit! Die Diskriminierung handwerklich Unterbegabter muss endlich aufhören! Vielleicht lesen Sie die Diskriminierung handwerklich unterbegabter "Männer" aus diesem Satz heraus. Das ist in gewisser Weise ein folgerichtiger Gedanke – und doch nur Teil des Problems.

Wenn ich Kollegen und Freunden von diesem Text erzählte, hieß es stets: Ah, du schreibst über Rollenbilder. Aber es geht hier nicht so sehr darum, klarzustellen, dass nicht jeder Mann ein Reifenwechsel-Gen besitzt. Oder anzumahnen, dass ebendieses Gen Frauen so oft von Sexisten abgesprochen wird. Natürlich wäre es schön, wenn unser Gemeinwesen ganz nach Platons Politeia jeden einfach das tun ließe, wozu er oder sie am ehesten begabt ist. Und es ist für uns alle traurig, dass die soziale Praxis noch immer weit davon entfernt ist. Wichtiger als irgendwelche Rollenbilder ist aber, zuerst anzuerkennen, dass jeder handwerklich unterbegabte Mensch auf die gleiche Weise verloren ist, egal ob Mann oder Frau. Mich stört nicht, dass ich als Mann kein Waschbecken anbringen kann. Mich stört, dass ich kein Waschbecken anbringen kann. Das schafft große Probleme, weil mir dadurch ein Waschbecken fehlt. Vor allem stört mich aber, dass beide Geschlechter sich für diese elende Schwäche rechtfertigen müssen (und sei es mit dem Geschlecht selbst). Das Problem sind nicht die Prämissen des Diktats, sondern das Diktat selbst.

Meine Mutter hat als Einzige in unserer leider sehr überschaubaren Familie einen Führerschein. Ich habe sie einmal dabei beobachtet, wie sie Tapeten klebte und währenddessen ihre Zigarette weiterrauchte. Die Marlboro meisterhaft in ihren Mundwinkeln umhermanövrierend. Von beiden Fähigkeiten kann ich nur träumen, erst recht von jener souveränen Synchronität. Mein Vater ist sieben Mal durch die Führerscheinprüfung gefallen. Wir waren alle sehr froh, als er den Wunsch nach einem achten Versuch aufgab. Eine Sequenz, in der mein Vater Tapeten dazu befähigt, nachhaltig an der Wand zu verharren, kann ich nirgends in meiner Erinnerung entdecken. Einmal fuhren meine Eltern gemeinsam nach Wolfsburg, um einen Golf zu kaufen. Meine Mutter mag robuste Volkswagen. Auf der Rückfahrt nach Leipzig, wenige Minuten vor der Stadt, krampfte ihr Bein plötzlich so heftig, dass sie nicht weiterchauffieren konnte. Sieben Fahrprüfungen, nur noch wenige Kilometer – für ein paar Minuten sollte mein Vater doch noch das Golf-Glück der Familie steuern. Meine Mutter sagt, sie habe nie wieder in ihrem Leben so viel Angst gehabt.

Dieser Mann also, mein Erzeuger, hat mir seine Hände und seine Unfähigkeit, ein Stück Brot so abzuschneiden, dass es nicht wie eine Picasso-Figur aussieht, in die Wiege gelegt. Was bedeutet, dass er sie neben der Wiege fallen ließ, ich sie aufheben musste, sie dabei selbst noch mal aus den Händen plumpsen ließ und letztlich mit den matschigen Überbleibseln zurück in die Wiege stolperte. Schimpfen Sie mich einen genetischen Deterministen, nur zu. Aber dann trauen Sie sich bitte auch in den Wagen mit meinem Vater am Steuer!

Ich bin 31 Jahre alt und nicht in der Lage, eigenständig von einer Wohnung in eine andere umzuziehen. Da ich es nicht schaffe, meine Möbel selbst wieder zusammenzubauen. Ich habe es einmal versucht und in der Folge 1,5 Jahre ohne richtiges Bett und richtigen Schrank verbracht. Auch weil eine Lösung des Problems vorgesehen hätte, in den Baumarkt zu gehen. Seit ich (sehr schlecht räumlich) denken kann, plagt mich die Untragbarkeit meiner Hände. Die zwei Stunden Werken in der Grundschule waren jahrelang emotionaler Wochentiefpunkt. Beim mir als gänzlich unmöglich erscheinenden Akt, ein Blatt Papier zu filigranen Sternen zu falten und zu schneiden, saß ich vor sinnlosen Schnipseln und litt. Zog mir den Zorn der knöchernen Lehrerin zu, nennen wir sie Frau Riebeisen. Sie hielt meine missratenen Sternabfälle für bewusste Systemkritik. Ach, wäre es doch nur Systemkritik gewesen. An einem Bildungswesen, das zur Willfährigkeit gegenüber Toom erzieht!