Sie müssen nicht nachdenken, liebe Leser. Auch nicht in sich hineinhorchen. Jetzt geht es um etwas, in das niemand so einfach Einblick hat, schon gar nicht bei sich selbst. Dieses Etwas ist es aber, das bei all Ihren Entscheidungen mitredet und oft sogar das letzte Wort hat. In seinem Machtbereich liegen Ihre Fähigkeiten, Erfahrungen, Ziele. Bloß – Sie merken nichts davon.

Dieses Etwas ist das Unbewusste. Die Erforschung unbewusster Prozesse boomt, Psychologen und Hirnforscher haben die Ära des "Neuen Unbewussten" ausgerufen. Was sie entdecken, stellt alte Vorstellungen von der Psyche auf den Kopf. Sigmund Freud verortete seinerzeit in ihren Tiefen dunkle Triebe und Traumata, das Unbewusste wirkte unheimlich und dämonisch. So erschien es als perfekter Widerpart des Bewusstseins. Dem hatte der Philosoph René Descartes allerhöchste Bedeutung eingeräumt: "Ich denke, also bin ich."

Inzwischen weiß die Wissenschaft: Das Bewusstsein allein macht den Menschen nicht aus. Und das Unbewusste ist weder böse noch blöd. Vielmehr lenken unbewusste Prozesse unsere Entscheidungen klug und effizient. Besonders dann, wenn so viele Informationen gleichzeitig verarbeitet werden müssen, dass es die Kapazitäten des Bewusstseins übersteigt. Oft sind Sie daher am besten, wenn Sie nicht wissen, was Sie tun. Der Philosoph Alfred North Whitehead stellte schon 1911 fest: "Die Zivilisation schreitet voran, indem sie die Zahl der wichtigen Operationen ausdehnt, die wir ausführen können, ohne an sie zu denken." Der Psychologie-Professor George Miller von der Universität Princeton sagt es simpler: "Müssten wir alles bewusst tun, kämen wir morgens nie aus dem Bett."

Das Unbewusste ist also eine Art Autopilot. Aber wie jeder Autopilot hat es Macken. Dann führt es uns in die Irre oder fährt uns sogar an die Wand. Verzichten können wir trotzdem nicht darauf. Deshalb sollten wir uns diesen Autopiloten genauer ansehen, um möglichen Unglücksursachen auf die Spur zu kommen.

Ich habe nichts gesehen. Aber bestimmt war es ein Schwarzer

45.699 Zuschauer sahen über einen Zeitraum von sechs Wochen den Film Picknick im Kino von Fort Lee, New Jersey. Darin verliebt sich William Holden in Kim Novak, die leider vergeben ist. Das eigentliche Drama jedoch verbarg sich zwischen den Filmbildern: Der Marktforscher James Vicary behauptete später, er habe bei den Vorführungen alle fünf Sekunden Botschaften auf die Leinwand projiziert, so kurz, dass die Zuschauer sie nicht bewusst wahrnehmen konnten: "Drink Coca-Cola" und "Eat Popcorn". In dem Kino seien im Untersuchungszeitraum 18,1 Prozent mehr Cola und 57,8 Prozent mehr Popcorn verkauft worden – dank dieser neuartigen "unterschwelligen Werbung".

Die Amerikaner waren entsetzt: So leicht waren sie zu manipulieren? Kurz darauf wurde "unterschwellige Werbung" in den USA verboten. Dabei hatte das aufsehenerregende Experiment nie stattgefunden. Vicary hatte sich das Ganze nur ausgedacht, um seiner schwächelnden Werbefirma aufzuhelfen. Die angeblich unterschwellige Reklame war bewusste Werbung gewesen – für Werbung. Das ist 60 Jahre her. Inzwischen haben Werbewirkungsforscher tatsächlich unterschwellige Reklame getestet und festgestellt: Sie funktioniert nicht.

Dennoch übt dieser vermeintliche Schleichweg ins Unbewusste einen enormen Reiz auf allerhand manipulative Akteure aus – auch auf Politiker und ihre Wahlkampfteams. In einem Fernsehspot für George W. Bush im Wahlkampf 2000 wurde mehrmals der gegen Al Gore gerichtete Slogan wiederholt: "Bureaucrats decide", also "Bürokraten entscheiden". Und am Ende blitzte in genau dem Augenblick für eine Dreißigstelsekunde das Fragment "rats" in riesigen weißen Buchstaben auf – "Ratten" oder auch "Quatsch!". Kein Zufall, wie der Macher des Spots schließlich zugab.

Das Fake-Experiment von 1957 ist aber noch aus einem völlig anderen Grund interessant: Die Leute hielten es offenbar für plausibel, dass ihre Vorlieben und ihr Verhalten massiv manipuliert werden könnten, ohne dass sie das merkten, dass also Einblendungen von Sekundenbruchteilen sie zu Cola trinkenden und Popcorn mampfenden Zombies machten. Das ist umso erstaunlicher, als die meisten Menschen in anderen Bereichen unbewusste Einflüsse weit von sich weisen.

Zum Beispiel beim Rassismus. Wer glaubt, er sei dagegen immun und völlig egalitär, sollte den Impliziten Assoziationstest (IAT) machen. Er hilft, unbewusste Voreingenommenheit aufzuspüren. Auf dem Bildschirm erscheinen Wörter, die man per Tastendruck als positiv oder negativ klassifizieren soll. Dann tauchen Gesichter auf, die man als hell- oder dunkelhäutig einordnen soll. Zuletzt werden beide Kategorien in unterschiedlichen Kombinationen präsentiert: Mal sollen dunkle Gesichter und positive Wörter mit derselben Taste markiert werden, mal dunkle Gesichter und negative Wörter. Aus dem Unterschied der Reaktionszeiten lässt sich auf unbewusste Bevorzugung der einen oder anderen Hautfarbe schließen. Die meisten Menschen sind schneller, wenn sie bei farbigen Gesichtern und negativen Begriffen dieselbe Taste drücken sollen. In der deutschen Ausgabe des Internet-Tests sind es 82 Prozent.