Es war eine flegelhafte Provokation, als der Althistoriker Egon Flaig 2007 schrieb: "Wenn ich wissen will, in welcher Hinsicht etwas singulär ist, dann komme ich nicht umhin zu vergleichen. Wer wird bestreiten, dass das Warschauer Ghetto 'singulär' war? Aber jede einzelne Krankheit meines Großvaters war es ebenso. Sogar der Rotz in meinem Taschentuch ist singulär."

Unberechtigt indes ist die Frage nicht, was eigentlich gemeint ist, wenn von der "Singularität" des Holocaust die Rede ist, nicht selten mit mahnendem Unterton. Zumal vor dem Panorama des 20. Jahrhunderts verlangt diese Frage nach einer Antwort. Sah es doch eine in der ohnehin an Grausamkeiten nicht armen Geschichte der Menschheit geradezu unwahrscheinliche Ballung von Leid, Tod und massenhaftem Mord.

Da sind die Abermillionen Toten des Stalinismus. Da sind die vielen Millionen Toten der chinesischen Revolutionen sowie der Klassenmord der Roten Khmer in Kambodscha an der eigenen Bevölkerung. Und da sind, an der Schwelle zum 21. Jahrhundert, die genozidalen Massaker im jugoslawischen Krieg sowie die Ermordung von bis zu einer Million Tutsi durch Teile der Hutu in Ruanda.

Die Aufzählung ließe sich erweitern: um den kolonialen Völkermord an Ovaherero und Nama in Deutsch-Südwestafrika, den Armeniergenozid im Osmanischen Reich, um den Vernichtungskrieg des faschistischen Italiens gegen Äthiopien und die Gasattacken Saddam Husseins gegen die irakischen Kurden und viele Schrecken mehr. Wer da von der Singularität des Holocaust spricht, muss – so viel ist Egon Flaig zuzugeben – die Kriterien für diese Zuschreibung ausweisen.

Infrage kommen das Ausmaß des Mordens, die Grausamkeit der Mordtaten sowie die Eigenschaften des Täterkollektivs.

Dass das Ausmaß des Mordens kein Kriterium sein kann, liegt auf der Hand: Nach allem, was die historische Forschung erwiesen hat, kamen unter Stalin und Mao deutlich mehr Menschen zu Tode als im Holocaust. Eher könnte man die besondere Grausamkeit der mörderischen Handlungen heranziehen, die totale Entwürdigung durch die Nummerierung der Opfer in den Vernichtungslagern – die allerdings schon in den Kolonialkriegen Vorläufer hatte. Vor allem jedoch ist zu fragen, wer die Verbrechen zu verantworten hatte.

In größtem Kontrast zum Holocaust, der ein Massenmord auch im Sinne einer immensen Zahl an Tätern war, steht in dieser Hinsicht der Demozid an rund zwei Millionen Kambodschanern zwischen 1975 und 1979. Verübt wurde er von einer kleinen Gruppe junger Dschungelkrieger, den Roten Khmer unter Führung einer Clique von Ideologen. Der bei der Niederschlagung des Ovaherero- und Nama-Aufstandes begangene Völkermord wurde 1904 von einem einzelnen militärischen Befehlshaber angeordnet – Lothar von Trotha – und ebenfalls von einem überschaubaren Täterkollektiv ins Werk gesetzt.

Anders verhielt es sich 1994 in Ruanda: Hier waren nicht nur Militär und Milizen, sondern auch Zivilisten beteiligt. Auch beim jungtürkischen Genozid an den Armeniern im Jahr 1915 war der Täterkreis größer: Neben der Bürokratie des Osmanisches Reiches waren es in den wandernden Konzentrationslagern türkische, kurdische und tscherkessische Freischaren, die den geplanten Genozid exekutierten.

Im Falle der "Politizide" in der Sowjetunion waren es die schon von Lenin gegründete Geheimpolizei und später, unter Stalin, immer wieder unterwürfige Parteikader, die Millionen von Opfern zu verantworten hatten. Demgegenüber sind die Mordtaten in China, etwa während der Kulturrevolution, vor allem agitierten, studentischen Massen zuzurechnen.

Im nationalsozialistischen Deutschland jedoch, einer der entwickeltsten und – ja – gebildetsten Gesellschaften, "arbeiteten" die führenden Schichten des Landes "dem Führer entgegen" (Ian Kershaw), vollzogen sie als Mitglieder "ganz normaler Organisationen" (Stefan Kühl) einen "historisch präzedenzlosen" (Yehuda Bauer) Massenmord.

Es ist genau diese Konstellation einander in ihren Effekten multiplizierender bildungsbürgerlicher Haltungen, autoritärer Charakterprägungen sowie gedankenlosen bürokratischen Selbstläufertums, die die Singularität des Holocaust ausmacht. Das lässt sich mit keinem Taschentuch beiseitewischen.