"Von Ehre ohne Ruhm / Von Größe ohne Glanz / Von Würde ohne Sold": Lesen Sie diese drei Zeilen laut vor, und fragen Sie jemand, von wem sie stammen. Nein, nicht von Stefan George. Auch nicht von Hugo von Hofmannsthal oder Rudolf Borchardt. Sie stammen von Walter Benjamin, der sie an den Anfang seiner Briefsammlung Deutsche Menschen setzen ließ, die 1936 in der Schweiz erschien. Auswahl und Einleitungen von Detlef Holz hieß es auf dem Vorsatzblatt. Längst war Benjamin im Exil, wenn sein Buch in Deutschland gelesen werden sollte, empfahl sich ein Pseudonym.

Nun lesen Sie die drei Mottozeilen noch einmal und stellen sich dabei vor, Sie hörten sie in der Stimme von Christian Brückner. Und ja, es hört sich genau so an, wie Sie es sich ausgemalt haben. Der legendäre Synchronsprecher und Interpret, 2012 ausgezeichnet mit dem Deutschen Hörbuchpreis für sein Lebenswerk, hat Walter Benjamins Deutsche Menschen aufgenommen. Und diese rauhe, scheinbar vom Dasein gezeichnete Stimme bietet jenes brüchige, verhaltene Pathos, mit dem man Benjamins Ideenwelt genau trifft. Dabei steht Brückner vor einer doppelten Herausforderung: Benjamins Geist zu verstimmlichen, der in dieser Sammlung, abgesehen von Benjamins prägnanten, anschaulichen Zwischentexten, allerdings oft nur indirekt zu erfassen ist. Denn es handelt sich hier um 26 Briefe höchst unterschiedlicher deutscher Autoren, die zwischen 1783 und 1883 geschrieben wurden. Eine Stimme für einen vielstimmigen Chor plus Dirigent also, zudem die zum Teil bedeutenden Adressaten mitbedenkend – Brückner gelingt das meisterhaft –, automatisch kommt einem Benjamins zentraler Begriff der Aura in den Sinn. Den Anfang macht der Komponist und Goethe-Freund Karl Friedrich Zelter in seinem Brief von 1832 an den Weimarer Kanzler von Müller, nach dem Tod des Meisters. Georg Forster, Hölderlin und Brentano sind dabei, Goethe und Büchner ebenso, aber auch Metternich, Gottfried Keller an Storm und am Ende Franz Overbeck an seinen Freund Nietzsche.

Benjamin hatte die Briefe 1931/32 in einer Serie in der Frankfurter Zeitung publiziert; die Buchausgabe hatte er selbst als rettende "Arche" bezeichnet, gebaut, "als die faschistische Sintflut zu steigen begann". Retten wollte er darin die Humanität des bürgerlichen Geistes, der für ihn bereits Ende des 19. Jahrhunderts verloren ging. Benjamins Vorwort 1936 endet angesichts des in der Nazibarbarei versinkenden Deutschland mit einem Goethe-Zitat: "Lasst uns soviel als möglich an der Gesinnung halten, in der wir herankamen; wir werden, mit vielleicht noch Wenigen, die Letzten seyn einer Epoche, die so bald nicht wiederkehrt."

Walter Benjamin: Deutsche Menschen. Eine Folge von Briefen. Gelesen von Christian Brückner; Edition parlando, Berlin 2017; 3 CDs, 15,99 €