Wie viele Würfel Zucker stecken in einem Fruchtjoghurt? Drei? Vier? Es sind bis zu elf. Wer einen Becher Joghurt isst, der hat etwa die Hälfte der täglich empfohlenen Zuckermenge zu sich genommen. Und mit jeder Cola kommen sieben Würfel hinzu.

Alles halb so wild, Omas Torte war schließlich auch süß? Mag sein, aber bei Oma gab es nicht jeden Tag Torte. Ein Amerikaner dagegen kippt heute täglich im Schnitt fast einen halben Liter zuckerhaltige Limonade in sich hinein. Inzwischen sind mehr als 20 Prozent aller Kinder und Jugendlichen in den USA fettleibig – mit steigender Tendenz auch in Deutschland.

Die Folge: Erstmals in der Geschichte der Menschheit ist Übergewicht ein größeres Problem als Untergewicht – und Zucker ein Gesundheitsrisiko. Wenn die SPD nun fordert, dass der Staat gegen den hohen Zuckergehalt in unserem Essen vorgehen soll, dann stößt sie damit eine längst überfällige Debatte an.

Lobbygruppen entscheiden mit, welche Produkte wie stark besteuert werden

Glücklicherweise gibt es für dieses Problem eine simple politische Lösung. Sie besteht darin, den Zucker so teuer zu machen, dass die Menschen weniger Zucker essen – zum Beispiel indem der Staat den Zuckerverkauf besteuert. Das hat beim Rauchen funktioniert: Der Zigarettenkonsum ist auch deshalb massiv zurückgegangen, weil die Tabaksteuer angehoben wurde.

Zucker ist in vielerlei Hinsicht der Tabak des 21. Jahrhunderts – und er verwüstet gerade viele ärmere Länder ein zweites Mal. Im 18. Jahrhundert mussten afrikanische Sklaven auf amerikanischen Zuckerrohrplantagen schuften, heute bedroht die steigende Zahl der Menschen mit Diabetes die Gesundheitssysteme in Ländern wie Nigeria, und jährlich sterben weltweit rund vier Millionen Menschen an Krankheiten, die auf eine ungesunde Ernährung mit zu viel Zucker zurückzuführen sind.

Es stimmt schon: Eine Zuckersteuer ist ein Eingriff in die individuelle Entscheidungsfreiheit. Aber dieser Einwand wäre glaubwürdiger, wenn die Verbraucher wirklich wählen könnten. Das können sie jedoch vielfach nicht. Die Lebensmittelindustrie rührt Zucker auch dort hinein, wo man ihn nicht vermutet, in Saucen, Ketchups oder andere Waren, weil sich Süßes besser verkauft als Saures. Es ist gar nicht so leicht, auf Zucker oder Zuckerersatz zu verzichten, wenn ein halber Liter Brause als "kleine" Cola verkauft wird oder wenn – wie in vielen Entwicklungsländern – in den Läden nur Sprite, aber kein Mineralwasser erhältlich ist.

Das sollte bedenken, wer die Zuckersteuer verdammt, weil steigende Preise vor allem Menschen treffen würden, die ohnehin wenig Geld haben. Denn diese Menschen nehmen in der Regel besonders viel Zucker zu sich und leiden deshalb besonders häufig unter den Folgen. Dass es schlecht, nämlich teuer für die Armen wäre, wenn sie sich gesünder ernährten, ist ein Argument, dass auch nicht besser wird, wenn man ihm einen sozialen Anstrich verpasst.

In der Realität existiert der freie Markt sowieso nicht. Der Staat setzt den Rahmen für private Konsumentscheidungen. Für Grundnahrungsmittel wie Brot, Butter und Zucker etwa gilt in Deutschland ein ermäßigter Mehrwertsteuersatz, Diesel wird niedriger besteuert als Benzin, und auf Kerosin fallen überhaupt keine Steuern an. Die Logik? Es gibt keine. Was bezuschusst wird und was nicht, ist das Resultat intensiver Lobbyarbeit der betroffenen Branchen.

Es geht also vor allem darum, in die Sache ein wenig Systematik zu bringen. Streng ökonomisch betrachtet, ist Zucker – wie auch Fleisch oder die meisten Südfrüchte – derzeit schlicht zu preiswert. Die Preise spiegeln nicht die tatsächlich anfallenden Kosten wieder, für die Krankenkassen, das Klima, die Umwelt. Diese Kosten werden stattdessen auf die Allgemeinheit und somit auf die kommenden Generationen abgewälzt. Anders gesagt: Wenn der Markt wirklich frei wäre, dann wäre Zucker längst deutlich teurer. Deshalb ist die Frage, was wir essen, keine Privatangelegenheit, sondern von Bedeutung für alle.

Mexiko hat vor drei Jahren eine Steuer auf Softdrinks eingeführt, und zwar in Höhe von etwa zehn Prozent des Verkaufspreises. Unabhängige Studien zeigen: Der Verkauf von Cola und Limonade ist schon ein Jahr danach um sechs Prozent zurückgegangen, dafür wurde mehr Wasser getrunken. Zuckergehalt: null Prozent. Und mit Sprudel gar nicht so übel.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio