Sieben Wochenstunden sind eine Menge Zeit. In sieben Stunden könnte einem Kind Otfried Preußlers Kleine Hexe komplett vorgelesen werden oder ein Pflegebedürftiger mehrmals besucht und gefüttert werden. Für solche Dinge kämpft die IG Metall, wenn sie jetzt zum Streik aufruft.

Viel steht auf dem Spiel. Es geht – natürlich – um mehr Lohn. Sechs Prozent mehr fordert die Gewerkschaft. Es geht aber auch um die Aufweichung der 35-Stunden-Woche. Bei Bedarf sollen Mitarbeiter ihre Arbeitszeit auf bis zu 28 Stunden verkürzen können.

Das ist kein Betonkopf-Konflikt, in dem sich Gewerkschaftsfunktionäre für die nächsten Betriebsratswahlen profilieren wollen. Sondern einer, in dem die IG Metall ihrer Rolle als Vorreiterin für den gesamten Arbeitsmarkt endlich mal wieder gerecht wird. Sie war es, die die Integration von Gastarbeitern in den sechziger Jahren antrieb und den DGB-Spruch "Samstags gehört Vati mir" vor über 50 Jahren in die Tat umsetzte.

Nach der gescheiterten Tarifrunde am Wochenende wurde Deutschlands mächtigste Gewerkschaft von den Arbeitgebern mit einem Kind im Sandkasten verglichen, das ein neues Spielzeug habe und es eifrig ausprobiere. Dieses Spielzeug der IG Metall sind 24-Stunden-Streiks, die gerade erstmals in der Gewerkschaftsgeschichte Anwendung finden. Daimler, BMW, Airbus und Dutzende Zulieferer werden damit lahmgelegt.

Die Forderung ist kühn, aber die Arbeiter haben sich mehr Freizeit verdient

Doch das Verhalten der Gewerkschaft ist keineswegs infantil. Im Gegenteil: Die Forderung ist sehr erwachsen. Sie versucht eine Balance zu finden zwischen angemessener Bezahlung und verdienter Freizeit. Die Arbeitgeber haben das noch nicht begriffen. Dabei geht es um viel mehr als um Kosten und Paragrafen.

Die IG Metall fordert für die fast vier Millionen Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie eine auf bis zu zwei Jahre befristete Möglichkeit, die Arbeitszeit zu verkürzen. Das ließen die Chefs wohl noch mit sich machen. Nun aber kommt der Clou: Zum einen soll den Mitarbeitern die Rückkehr zur Vollzeit garantiert werden, zum anderen sollen sie sogar einen Ausgleich für den entgangenen Lohn bekommen. Bis zu 200 Euro im Monat, wenn sie sich tatsächlich um Angehörige kümmern.