Über dem Atlantik

Ein Flieger über dem Atlantik, die Kabine ist dunkel. Nur über einem Passagier funzelt eine Lampe, erhellt einen Stapel Papier. Darauf abgebildet sind Kugeln, Ziffern und die Frage, wie man Orangen am dichtesten stapelt. Ein jahrhundertealtes Rätsel der Mathematik. Und ein Albtraum für den Passagier. Für mich.

Ich bin auf dem Weg in die USA, zu Thomas Hales, der dieses Rätsel, die Keplersche Vermutung, gelöst hat. Hales gilt in Fachkreisen als Mathe-Genie. Ich gelte in Fachkreisen als Mathe-Null. Zum Glück sind meine Kreise klein. Mein Mathe-Lehrer, meine Eltern und mein Schulkamerad Ingo, der sich nie verrechnete.

Nach dem Abitur habe ich sie alle hinter mir gelassen, bin ins Schreiben geflüchtet, zur ZEIT, wo mir eine altgediente Redakteurin erklärte: "Mach was mit Zahlen, und du greifst in die Scheiße." Ich fühlte mich sofort geborgen.

Jetzt lese ich: "Die Keplersche Vermutung ist die Vermutung, dass bei der dichtesten Kugelpackung im dreidimensionalen euklidischen Raum keine Anordnung von gleich großen Kugeln eine größere mittlere Dichte aufweist als die kubisch-flächenzentrierte Packung (...)." Als ich Hales gegenübersitze, frage, notiere, schwitze ich. Dann ist es vorbei. Hales lächelt und sagt: "Schön, dass sich mal ein Journalist auskennt." Schöne Scheiße.

Rudi Novotny, 37, war kürzlich ein halbes Jahr in Elternzeit. Seitdem weist er Mütter auf ihre erzieherischen Unzulänglichkeiten hin.

In Jakarta

Es war zwei Sommer nach 9/11. Ich war mit einem Journalistenstipendium in Indonesien, Gastredaktion war die englischsprachige Jakarta Post. Ich hatte vor, über die fortschreitende Islamisierung des Landes zu schreiben, hatte wochenlang das Who’s who der einschlägigen Szene studiert.

In der ersten Redaktionssitzung aber ging es um ein ganz anderes Thema: das Gesundheitssystem. Ein Redakteur fand es großartig, dass ich gerade jetzt hier sei – in Deutschland sei doch zurzeit auch eine Gesundheitsreform im Gang, ob ich sie kurz in Grundzügen erklären könne? Lauter als mein Schweigen war nur die Klimaanlage.

Es ging damals übrigens um das Gesetz zur Modernisierung der gesetzlichen Krankenversicherung. Habe ich eben nachgelesen.

Arnfrid Schenk, 49, schreibt gerne über den Islam und begrüßt es, dafür nicht mehr so weit reisen zu müssen.

Im leeren Kinderzimmer

Ich fuhr nach Swasiland. An eine Schule, die Jugendliche aus aller Welt vereinen will. Für Völkerverständigung und Toleranz. An den United World Colleges (UWC) werden junge Menschen nicht nach dem Reichtum ihrer Eltern, sondern nach Begabung und Eignung ausgewählt. Ich wollte wissen, ob das funktioniert, diskutierte vier Tage mit Townshipkindern, Flüchtlingen, Diplomatensöhnen aus 60 Nationen. Wie ließen sich Vorurteile, Weltanschauungen, so viel Trennendes überwinden? Zu Hause schrieb ich alles auf. Was nicht in den Artikel passte, erzählte ich meiner Tochter. Das war 2012, sie war damals elf. Vor ein paar Monaten stieg sie in ein Flugzeug. In einem Vierbettzimmer am UWC auf Vancouver Island packte sie ihren Koffer aus. Als sie ging und es mir das Herz umdrehte, bereute ich, jemals nach Afrika gefahren zu sein. Die Bildungslücke von damals war nichts gegen die Lücke, die sich nun jeden Abend auftut, wenn ich nach Hause komme.

Jeannette Otto, 47, hat die lauteste Lache im Ressort. Wenn Kollegen denken, dass in ihrem Büro eine Party steigt, recherchiert sie nur über Schulpolitik.

In einem Artikel

Als ich 2003 im Chancen-Ressort hospitierte, bekam ich ein Praktikantenthema auf den Tisch: Studiengebühren. Das interessierte damals keinen, musste aber irgendwie gecovert werden. Ich dachte: Studiengebühren, das sind doch die Tausenden Dollars, die US-Hochschulen verlangen und damit viele Begabte vom Studium abhalten. Je tiefer ich recherchierte, desto mehr ging mir auf: Ein Bezahlstudium ist gerechter als ein gebührenfreies. Warum soll der Maler das Studium der Managertochter finanzieren? Vor einer Fehlprognose bewahrte mich die Recherche nicht: 2003 schrieb ich, dass die Gebühren wohl binnen 15 Jahren kommen würden – also spätestens dieses Jahr. Stattdessen kamen sie schon 2006 und sind heute schon so lange wieder abgeschafft, dass von Neuem über sie nachgedacht wird.

Manuel J. Hartung, 36, hat auch in New York und Harvard studiert, schwärmt aber am liebsten von seinem Heimatort: Kassel.