Oskar Michalski, Schüler: Nach dem Vorfall mit Tarek wurde es immer schlimmer. Ich wurde fast jeden Tag beschimpft, ab und an auch körperlich angegriffen. Der härteste Angriff kam dann nach drei Monaten. Das war draußen, außerhalb des Schulgebäudes, auf dem Weg zum Sportunterricht. Zwei ältere Schüler, die ich nur vom Sehen kannte, gingen hinter mir. Plötzlich lief der eine nach vorne, packte mich und nahm mich in den Schwitzkasten. Da hat ein Mädchen gerufen: "Hey, lasst ihn!" Er ließ mich los, und ich bin betont normal in die Bäckerei nebenan gegangen, um nicht zu provozieren. Als ich wieder rauskam, stand da Ahmed*. Einer der beiden, die mich vorher attackiert hatten, ein Türke. Er hatte eine Pistole in der Hand, sie sah sehr echt aus. Er hob den Arm und drückte ab. Für einen Moment hatte ich unglaubliche Angst. Es war eine Softair-Pistole mit Plastikmunition. Die Kugel traf mich. Aber ich hatte eine dicke Jacke an, deshalb hat es nicht so wehgetan, da hatte ich Glück.

Gemma Michalski, 51, Unternehmerin, Oskars Mutter: Als Oskar das erste Mal erzählte, wie seine Mitschüler ihn behandeln, dachte ich: Die müssen nur mehr über uns erfahren. Wir haben dann mit der Lehrerin abgesprochen, dass Oskars Großeltern – sie sind Holocaust-Überlebende – die Schule besuchen und von sich erzählen. Danach aber gingen die Angriffe einfach weiter. Je schlimmer es wurde, desto mehr habe ich das Gespräch gesucht: Die Lehrerin war aufgeschlossen, doch die Schulsozialarbeiterin suchte den Fehler bei Oskar. Der Schulleiter ließ sich ständig verleugnen. Am Ende blieb uns nur, Oskar von der Schule zu nehmen. Diese Erfahrung, dass niemand bereit war einzuschreiten, hat mich schockiert.

Sophie Brüss, 42, Theaterpädagogin und Mitarbeiterin der Antidiskriminierungsstelle der Jüdischen Gemeinde in Düsseldorf: Bis vor Kurzem habe ich Projekte mit jungen Arbeitslosen gemacht. In einem Kurs saßen viele türkischstämmige Jungs. Als wir in einer Stunde auf das Thema Israel kamen, riefen sie: "Juden sind Massenmörder!" Ich bekam große Angst, ich war doch schwanger. Mitten im Unterricht lief ich aus dem Raum und bat andere Dozenten um Hilfe. "Wenn die meinen Namen googeln, wissen sie sofort, dass ich Jüdin bin", sagte ich, "ich fühle mich nicht mehr sicher." Die Kollegen antworteten: "Stell dich nicht so an, und geh wieder rein." Das war das Schlimmste für mich. Danach habe ich gekündigt.

Derviș Hızarcı, 34, Vorsitzender der Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus: Ich bin Lehrer, ich bin Muslim, und ich engagiere mich gegen Antisemitismus. Am ersten Tag meines Referendariats an einer Schule in Berlin sah ich zwei Schüler auf dem Pausenhof rangeln, der eine sagte: "Du Jude!" Er war ein Afrodeutscher. Ich bin hin und habe ihn gefragt, was das denn heißen soll, Jude. "Na, Knecht halt", sagte er.

Michael Kiefer, 57, Islamwissenschaftler an der Universität Osnabrück: Bestimmte Formen des Antisemitismus werden in manchen muslimisch geprägten Milieus als Normalität erachtet. Da spiegelt sich unter manchen Migranten das, was im Heimatland gängige Propaganda ist. Seit Ende der neunziger Jahre schauen arabisch- und türkischstämmige Menschen über das Satellitenfernsehen Kanäle aus den Heimatländern. Vor allem in Fernsehserien tauchen immer wieder antisemitische Narrationen auf. Da ist zum Beispiel Zahras blaue Augen, eine Soap, die zur besten Sendezeit im türkischsprachigen Fernsehen lief. Darin geht es um einen israelischen Politiker mit einem blinden Sohn. Er sucht ein palästinensisches Kind, um ihm die Augen zu nehmen und sie seinem Sohn einzusetzen – und findet das bildhübsche Mädchen Zahra. Ein klassisch antisemitisches Motiv: Die Juden sind "parasitär", sie müssen sich an anderen vergehen, um zu überleben.

Fast 75 Jahre nach dem Ende des Nationalsozialismus verstecken sich jüdische Vereine in Deutschland hinter schlichten Fassaden, schützen sich Synagogen mit Zäunen, Kameras, Polizisten. Diese Schutzmaßnahmen, das zeigen Zahlen und berichten Gemeindemitglieder, nehmen zu.

In der Nacht zum 9. November hat jemand versucht, in unser Gemeindezentrum einzudringen
Wolfgang Seibert, Gemeindevorsitzender

Wolfgang Seibert, 70, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Pinneberg: Wir wollten lange keinen Zaun um unser Gemeindezentrum haben, weil wir uns als offene Gemeinde präsentieren wollen. Aber dann haben viele Gemeindemitglieder gesagt, wir brauchen einen Zaun, damit nichts passiert. Die merken, dass sich da was tut, dass Antisemitismus keine Randerscheinung mehr ist. Seit letztem Jahr haben wir nun einen Zaun.

Im Jahr 2016 hat der Bundesverfassungsschutz 1468 antisemitische Straf- und 34 antisemitische Gewalttaten registriert. Hinter jedem einzelnen Vorfall steckt eine schwer erträgliche Geschichte. Ein zusammengeschlagener Rabbiner. Eingeworfene Scheiben einer Synagoge. Beschimpfungen einer jüdischen Fußballmannschaft: "Hitler hat vergessen, euch zu vergasen."

Allerdings gehen die Zahlen seit Jahren zurück, und bisher wurde kein Fall eines antisemitischen Übergriffs durch einen Flüchtling bekannt. Noch 2001 wurden rund 1.700 antisemitische Straftaten erfasst, das waren 200 mehr als zuletzt. Dem entspricht die Wahrnehmung der Bürger: In einer repräsentativen Studie sagten 2013 drei Viertel der Befragten, in Deutschland seien negative Einstellungen gegenüber Juden nur selten oder gar nicht anzutreffen.