Vier Jahre lang ging Robert Bergmann* immer wieder derselbe Satz durch den Kopf: "Zum Glück hab ich keine Kinder." Besonders am Jahresende erleichterte ihn der Gedanke, dass er bloß für sich allein verantwortlich war. Bergmann ist Studienkoordinator an einer Berliner Universität. Er schreibt Verträge für die Dozenten, plant Termine für die Vorlesungen. "Ich wusste immer, dass ich meinen Job gut mache", sagt er. "Trotzdem hatte ich ständig Angst, arbeitslos zu werden."

Robert Bergmanns Vertrag war befristet, immer wieder aufs Neue, jeweils für zwölf Monate. Ob sein Vertrag verlängert wurde, entschied die Universität immer erst, wenn der Haushalt für das nächste Jahr feststand. Aus Angst um seinen Job ging Bergmann auch krank zur Arbeit und machte viele Überstunden. Oft erfuhr er erst kurz vor Silvester, ob er im Januar wieder zur Arbeit kommen durfte.

"Befristete Arbeitsverhältnisse müssen die Ausnahme sein."
Sozialdemokraten

Wenn es nach der SPD geht, soll sich bald kaum ein Arbeitnehmer mehr solche Gedanken machen müssen. "Befristete Arbeitsverhältnisse müssen die Ausnahme sein", forderten die Sozialdemokraten bereits auf ihrem Parteitag vor zwei Wochen. Insbesondere wollten sie Kettenbefristungen verhindern, bei denen Mitarbeiter über Jahre mit immer wieder verlängerten Verträgen hingehalten werden.

Solche Fälle sorgen regelmäßig für Aufsehen: Die Lehrerin aus Hessen, die in sieben Jahren von ihrer Schule 16 verschiedene Verträge bekam. Die Justizangestellte aus Nordrhein-Westfalen, die 11 Jahre befristet für eine Kölner Behörde arbeitete. Oder die Briefträgerin aus Mecklenburg-Vorpommern. Sie wurde sogar 88 Mal befristet und musste – nach 17 Jahren – plötzlich gehen.

Fälle dieser Art sind ein Grund dafür, warum es bei vielen Bürgern gut ankommt, dass Andrea Nahles und andere Vertreter der SPD die befristeten Jobs als Skandal anprangern. In Zeitungsinterviews, in Talkshows, auf Twitter rücken sie dabei stets ein Thema in den Mittelpunkt: die sachgrundlose Befristung. Das ist die Möglichkeit, einen Angestellten völlig ohne Angabe von Gründen befristet anzustellen. Die SPD will in den Koalitionsverhandlungen eine Abschaffung dieser Art von Befristung durchsetzen. Bei Redaktionsschluss dieser ZEIT-Ausgabe waren die Gespräche darüber noch nicht abgeschlossen. Setzen sich die Sozialdemokraten durch, wäre es für sie ein politischer Triumph. Menschen wie Robert Bergmann würde es allerdings nicht helfen. Ausgerechnet gegen die besonders krassen Fälle würde dieses Verbot nicht wirken.

Besonders Berufseinsteiger und Jüngere bekommen oft nur einen Zeitvertrag

Befristete Jobs sind in Deutschland heute keine Ausnahme, aber auch nicht die Regel. Je nach Quelle haben zwischen sieben und acht Prozent aller Beschäftigten einen Job mit festem Enddatum. Der Anteil der Befristungen hat sich in den vergangenen zehn Jahren kaum verändert. Allerdings lag er davor, in den Neunzigern, noch bei vier bis fünf Prozent aller Stellen.

Die weit überwiegende Mehrheit der Arbeitnehmer ist noch immer unbefristet angestellt. Doch besonders Berufseinsteiger und jüngere Arbeitnehmer bekommen oft nur einen Zeitvertrag. Von allen Neueinstellungen waren zuletzt 43 Prozent befristet. Auch dieser Wert hat sich seit einem Jahrzehnt kaum verändert. Um die Jahrtausendwende lag er aber noch bei 32 Prozent. Auf lange Sicht hat der Anteil der unsicheren Jobs in Deutschland also zugenommen.

Arbeitsrechtsexperten sehen Problem bei Befristungen mit Sachgrund

Verantwortlich für diese Entwicklung, so die SPD, sei ein Gesetz aus dem Jahr 1985. Damals sei erst die Möglichkeit geschaffen worden, einen Arbeitsvertrag ohne Angabe von Gründen zeitlich zu beschränken. Diese sachgrundlose Befristung gehöre abgeschafft.

Für viele Betroffene klingt das erst einmal gut. Das Problem ist nur: Robert Bergmanns Befristung war nicht sachgrundlos. Genauso wenig wie es all die Kettenbefristungen in den anderen krassen Fällen sind, in denen Menschen über fünf, zehn oder fünfzehn Jahre mit immer neuen Verträgen hingehalten werden. Sachgrundlose Befristungen sind nämlich schon heute zeitlich begrenzt. Maximal zwei Jahre darf ein Arbeitgeber einen Angestellten so beschäftigen, dann ist Schluss. Lange Ketten sind damit also nicht möglich.

Anders sieht es bei den Befristungen mit Sachgrund aus. Sie können nahezu beliebig lange aneinandergereiht werden. Es muss nur einer der acht Gründe erfüllt sein, die das Teilzeit- und Befristungsgesetz vorsieht. Etwa die "Vertretung eines anderen Arbeitnehmers", ein "vorübergehender Bedarf" oder eine "Befristung im Anschluss an eine Ausbildung oder ein Studium". Und es gibt einen besonderen Befristungsgrund, der nur Arbeitgebern der öffentlichen Hand offensteht: Wird der Arbeitnehmer aus Mitteln vergütet, "die haushaltsrechtlich für eine befristete Beschäftigung bestimmt sind", ist die Befristung sachlich begründet. "Diese Regel bedeutet, dass ich mir als öffentlicher Arbeitgeber den Befristungsgrund nahezu nach Belieben selbst schaffen kann", sagt Gregor Thüsing, Professor für Arbeitsrecht an der Universität Bonn. Es sei deshalb kein Zufall, dass viele spektakuläre Fälle langer Befristungsketten aus dem öffentlichen Dienst kämen.

Bei einem Verbot würden Unternehmer auf andere befristete Verträge ausweichen

In Robert Bergmanns Fall hieß das: Die Universität konnte ihn so lange befristen, wie sie wollte. Die Uni verwies einfach darauf, dass das Geld für seine Stelle eben nur bis zum Jahresende bewilligt sei. Warum das so war, wurde ihm nie erklärt. Und das muss es auch nicht.

Viele Arbeitsrechtsexperten sehen eher in den – endlosen – Befristungen mit Sachgrund ein Problem als in den sachgrundlosen. Und insbesondere die Sonderregel für den öffentlichen Dienst stößt auf Kritik. Auch der DGB fordert, sie abzuschaffen. "Doch diese Forderung", meint Professor Thüsing, "scheitert regelmäßig am Widerstand auch der SPD-geführten Länder, die das selbst massiv nutzen."

Institut für Arbeitsmarkt © ZEIT-GRAFIK

Von allen befristeten Verträgen stützt sich Erhebungen zufolge etwa die Hälfte auf einen Sachgrund. Für diese Hälfte änderte sich nichts, würden sachgrundlose Befristungen abgeschafft. Und womöglich würde das Verbot nicht einmal den Arbeitnehmern aus der anderen Hälfte nützen. Denn auch hinter einem Großteil der offiziell grundlosen Fristverträge steckt in Wahrheit ein Sachgrund. Das erscheint skurril, hat aber eine einfache Logik. "Den meisten Arbeitgebern in der Privatwirtschaft reichen zwei Jahre als Befristung völlig aus", erläutert Michael Henn, Präsident des Verbands deutscher Arbeitsrechtsanwälte. "In diesem Fall ist es besser, keinen Sachgrund anzugeben, weil der immer anfechtbar ist."

"Wenn die sachlichen Gründe auf den Tisch kämen, sofern es sie gibt, wäre das schon ein großer Fortschritt. Dann kann man sie nämlich überprüfen."
Annelie Buntenbach, DGB-Vorstandsmitglied

Selbst bei scheinbar klaren Fällen sei es deshalb ratsamer, sachgrundlos zu befristen. "Stellen Sie sich vor, Sie haben jemanden als Vertretung für eine Elternzeit eingestellt, aber im Laufe von eineinhalb Jahren verändert sich die Abteilung, und die betroffene Person übernimmt neue Aufgaben. Da kann man dann darüber streiten, ob sie wirklich als Vertretung eingesetzt war."

Höchstgrenze für finanziellen Anreiz

Christian Hohendanner, ein Experte am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg, ist bei Unternehmensbefragungen auf das gleiche Phänomen gestoßen. Auch er bezweifelt daher, dass es den Arbeitnehmern viel nützt, wenn man die sachgrundlose Befristung verbietet. "Viele Firmen würden dann eben einen Sachgrund angeben", vermutet er. "Oder sie weichen auf andere Instrumente aus wie Leiharbeit, Werkverträge und Überstunden."

Annelie Buntenbach, DGB-Vorstandsmitglied, sieht das anders: "Wenn die sachlichen Gründe auf den Tisch kämen, sofern es sie gibt, wäre das schon ein großer Fortschritt. Dann kann man sie nämlich überprüfen." Dazu wäre allerdings eine weitere Änderung sinnvoll: Bisher sind Arbeitgeber nicht verpflichtet, im Vertrag den Grund für die Befristung anzugeben. Hier würde mehr Transparenz helfen.

Andere Experten empfehlen, statt die sachgrundlose Befristung abzuschaffen, für jedwede Befristung eine zeitliche Höchstgrenze einzuführen. Unternehmen könnten einen Mitarbeiter dann auch mit einem sogenannten Sachgrund nur maximal zwei oder drei Jahre befristen. Das könne den Kettenverträgen ein Ende setzen.

Der IAB-Forscher Hohendanner hat eine andere Idee: Der Ökonom empfiehlt, die Firmen statt über Verbote mit Geld zum richtigen Handeln zu bewegen. Die Arbeitgeber sollten für befristete Jobs einen höheren Beitrag an die Arbeitslosenversicherung abführen. Im Gegenzug könnte der Beitrag für unbefristete Stellen gesenkt werden. "Dadurch gäbe es einen finanziellen Anreiz, nur zur Befristung zu greifen, wenn sie nötig ist", sagt Hohendanner. Die Unternehmen blieben so flexibel, aber auch die Politik. In guten Zeiten könnte die Regierung den Befristungszuschlag hochschrauben, in schlechten – wenn man für jede befristete Stelle dankbar ist – könnte sie ihn senken.

Es gibt also noch andere Ideen, wie sich Kettenbefristungen verhindern ließen, außer der Abschaffung der sachgrundlosen Befristungen. Und die würden auch Menschen wie Robert Bergmann helfen.

*Name geändert

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