"Ich nenne es Frühstück", ruft Bastian Pastewka und kippt seine Tasche mit den Süßigkeiten aus. Er hat "Ernie & Bert"-Kekse eingekauft, Bio-Vollkornkekse, die wie die Sesamstraßen- Figuren Ernie und Bert geformt sind. Wir haben außerdem M&Ms (die gelben) und, klar: Oreos. "Juhuuu, die guten Autoreifenkekse!", ruft Pastewka, professionell blendend gelaunt. Autoreifenkekse heißen die schwarz-weißen Scheiben, wenn sie in Pastewkas Serie Pastewka vorkommen. Gerade ist die achte Staffel beim Videodienst von Amazon gestartet, 2005 lief die allererste bei einem Privatsender namens Sat.1. Damals führte Pastewka, den man zuvor als Kultfigur Brisko Schneider ("Hallo, liebe Liebenden") aus der Wochenshow unterschätzt hatte, den deutschen Zuschauer an eine tiefangelsächsische Kunstform heran: den berühmten Komiker, der sich in einer Serie selbst spielt, aber als arroganten Heini, der von einem Fettnäpfchen ins nächste fällt. Jetzt legt er Mantel und Funktionssteppweste ab und macht es sich neben den M&Ms auf dem Sofa gemütlich: "Für mich keinen Kaffee, ich würde ein Wässerchen beantragen."

Der Grund für unser Treffen, hier im Berliner Wohnzimmer unseres Fotografen: Bastian Pastewka, 45, ist ein Mann, dessen Zeit gerade angebrochen ist. Dass seine eigene Serie nicht mehr im linearen Schnarchfernsehen läuft, sondern beim toll modernen Streaminganbieter Amazon, gilt als Durchbruch. Das ist ein bisschen gemein, denn Premiumfernsehen war Pastewka schon vorher. Aber jetzt darf man die Serie auch so nennen und sie in einem Atemzug erwähnen mit Babylon Berlin, Dark und dem neuen deutschen Prestige-TV. Weiter gilt: Pastewka macht nicht nur seit mehr als 20 Jahren Fernsehen, sondern schaut es auch. Oft. Und gern. Zu oft, zu gern. Immer schon. Als noch keiner von Netflix und Binge-Watching sprach, als Serien noch nicht Lieblingshobby der Mehrheitsgesellschaft waren, hat sich Pastewka schon die Augen viereckig geglotzt. Pastewka: der Visionär des Serienjunkietums. Er gilt deswegen auch als der große Fernsehkenner und TV-Alleswisser unter den Promis.

Unsere folgerichtige Idee: Zusammen mit dem professionellen Fernsehliebhaber Bastian Pastewka "binge-watchen" wir uns einmal durch die Geschichte des deutschen Fernsehens. Welche Wahnsinnshöhepunkte haben wir vergessen, welche kleinen Erfolge unterschätzt? Wo kommt es her, das deutsche Serienfernsehen? Bastian Pastewka hat für uns einen ganz subjektiven Pastewka-Kanon zusammengestellt, Fernsehserien aus vier Jahrzehnten, die er immer noch mag. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit. Ein Videoabend mit Bastian Pastewka, bloß am helllichten Tage, deswegen ziehen wir schnell die Vorhänge zu. Die Süßwaren stehen bereit, der Beamer summt, irgendwie geht der Ton noch nicht. Klassische Videoabendprobleme. Pastewka: "Ich fahr mal ab!"

"Ein Herz und eine Seele"

Der Fernseher heißt die zweite Folge der WDR-Serie Ein Herz und eine Seele aus dem Jahr 1973. Über die Hauptfigur Ekel Alfred berichtete damals, hallo, Babylon Berlin, hallo, Dark, sogar die New York Times. Zur Erinnerung: Ein Herz und eine Seele erzählt von Familienvater Alfred Tetzlaff, einem erzreaktionären deutschen Kleinbürger, der seine übergeduldige Ehefrau als dusselige Kuh beschimpft und sich mit einer aufmüpfigen Tochter und dem 68er-Revoluzzer-Schwiegersohn herumschlagen muss. Gesellschaftliche Zündkohle damals, wie Ekel Alfred als lächerlich-trauriger Antiheld seine dreiviertelfaschistische Haltung in die Wohnzimmer der noch jungen Bundesrepublik plärrte. Pastewka jetzt: vorne auf der Sofakante, den Oberkörper zur Leinwand geneigt, den Arm um ein recht süßes Stofftierkissen, eine Birne mit Gesicht. Immer wieder klappt er den Mund auf, gestikuliert Richtung Leinwand. Wir nehmen diesen Videoabend ernst wie ein Fußball-Länderspiel. Es wird reingerufen und kommentiert, vor allem die Arbeit der Schauspieler, für die Pastewka naturgemäß ein supergutes Auge hat. "Aaaah, Hauch zu spät!", klatscht er in die Hände, wenn die Pointe nicht ganz sitzt, "Suuuuuuper!", wenn sie sitzt. "Warum ist denn da kein Lacher? Ist das Publikum eingeschlafen?"

Das Thema der Folge ist brandaktuell: Lügenpresse, Verschwörungstheorie. Alfred Tetzlaff erklärt gerade, warum die Tagesschau verschweigt, wie amerikanische Mächte die Deutschen ausrotten und durch Slawen ersetzen wollen. Herr Pastewka, ginge denn so was heute noch? Eine Comedy mit einem Ekel-AfD-Wähler im Hauptprogramm? Oder würde das an den kleinherzigen Fernsehredakteuren scheitern? "Ach was", sagt Pastewka, "da bin ich optimistisch. Im Jahr 2018 wünscht sich doch jeder Sender, jeder YouTube-Kanal ’ne verrückte Serie." Was Pastewka aber mehr interessiert als Politik: wie die das damals so gemacht haben. Die Eröffnungeinstellung zeigt uns das Live-Publikum. Pastewka, begeistert: "Es handelt sich hier letztlich um ein 45-minütiges Theaterstück, das mit zwei Kameras über Kreuz mitgeschnitten wurde. Das läuft eins zu eins durch, da ist überhaupt kein Schnitt drin. Und es schnurrt trotzdem wie ein Uhrwerk, Chapeau! Das haben die geprobt ohne Ende." Vor allem das Ende lässt Pastewka schreien vor Glück. Da explodiert der Fernseher der Familie Tetzlaff, als Alfred ihn anschalten will. Das Schlussbild zeigt den Schauspieler Heinz Schubert, wie er mit rußschwarzem Gesicht dumm in die Kamera guckt. Was wohl vielen entgeht, Pastewka aber sofort bemerkt hat: "Er schmiert sich selber an! Das ist ja geil!" Tatsache: Man erkennt, wie Schubert sich schwarze Farbe auf die Hände reibt und sich anschließend selbst das Gesicht färbt. Pastewka klatscht in die Hände. "Das ist wirklich gar nicht geschnitten. Vielleicht ist die Folge sogar genau so live gesendet worden?"

Ein "supertolles Stück Fernsehen", sagt Pastewka. Vielleicht weil der Journalist, Drehbuchautor und Ekel-Alfred-Erfinder Wolfgang Menge, der auch die bitterböse Mediensatire Das Millionenspiel ersann, ein Genie war, und wütend. "Der war sauer aufs Fernsehen. Ein zorniger Mann." Bastian Pastewka ist das nicht, er möchte kein Protestkomiker sein, weder auf der Bühne noch dahinter. "Wir lästern nicht", ist seine Leitlinie für diesen Videoabend. Und als er ein einziges Mal doch einen Komiker-Kollegen kritisiert, tut er das flüsternd, als dürfe man so etwas nicht laut sagen.

Kurze Pause nun. "Ich rede und rede", sagt Pastewka, "wenn ich zu sehr vom Hölzchen aufs Stöckchen komme, müssen Sie mich bremsen!" Auf keinen Fall, genau da wollen wir ja hin, aufs Stöckchen. In seiner Serie spielt Pastewka sich als einen kindischen Nerd, der Familie, Freundin und Kollegen brutal auf die Nerven geht mit Monologen zur Fernsehgeschichte. Genau das möchten wir jetzt auch. Hier, leicht gekürzt, ein Pastewka-Monolog, den wir einfach auf uns wirken lassen: "Ein Herz und eine Seele hatte übrigens nur 21 Folgen. Und manche davon sind sogar doppelt, die sind einmal in Schwarz-Weiß und dann noch mal in Bunt gedreht worden! Und dann haben sie nach einer Pause noch einmal neue Folgen gedreht, aber nur vier – in anderer Besetzung. Irgendwann sind nämlich Elisabeth Wiedemann und Diether Krebs nicht mehr dabei, die werden ersetzt durch Klaus Dahlen und Helga Feddersen. Für mich ist aber eine der herausragenden Figuren Hildegard Krekel als Rita, Alfreds Tochter. Die sind ja alle vier leider schon verstorben. Ein Rätsel, warum Krekel nach dieser Sache nicht einen ähnlichen Weg eingeschlagen hat wie Ingrid Steeger oder Iris Berben. Sie war übrigens auch die Synchronstimme von Helen Mirren und die ältere Schwester von Lotti Krekel, der Frau von Ernst Hilbich, einem meiner Lieblingskomödianten. Ernst Hilbich, der aus der Zentis-Werbung!"

"Praxis Bülowbogen"

Um in die achtziger Jahre reinzukommen, schauen wir, was Pastewka damals verschlungen hat: die Arztserie Praxis Bülowbogen mit Günter Pfitzmann. Der Titel der ersten Folge lässt bereits nichts Gutes ahnen: Schönes Wochenende. Zähe Sache, das. Der allererste Satz, der in der Serie fällt: "So, Frau Rahn, wir versuchen jetzt mal was anderes. Wir machen eine Eigenblut-Behandlung." Gelächter bei uns auf dem Sofa. "Hier geht es im Grunde um gar nichts", hält Pastewka fest. Was er aber an Praxis Bülowbogen schätzt: "Die Welt und die Kieze stimmen." Eben nicht wie in der märchenhaften Schwarzwaldklinik oder in Krimiserien, in denen Unterwelt und Milieu behauptet werden, obwohl sich Schauspieler nur ein bisschen Ruß auf die Stirn gemalt haben. Die Westberliner Straßenszenen im Vorspann von Praxis Bülowbogen hingegen! Viel zu lang, klar, räumt Pastewka ein. Aber man sieht: Passanten, eine Frau mit Kopftuch, Männer mit Turban, die Gedächtniskirche. Rote Lackstiefel, die Beine einer, vermutlich, Prostituierten. Einen Kartoffelhändler mit Augenklappe. Pastewka: "Das kann man nicht erfinden. Ich vermute, dass die alle zufällig auf der Straße gefilmt wurden. Die wussten nicht, dass sie für immer im Vorspann von Praxis Bülowbogen sein werden."

Am Ende des Intros sehen wir das Messingschild der Praxis, darauf deutlich zu erkennen: "Alle Kassen". Pastewka: "Das beruhigt!" Die Solidargemeinschaft Gesundheitssystem, erzählt am Beispiel kleiner Alltagsgeschichten. "Wir halten zusammen", das sei, sagt Pastewka, die Essenz jeder Folge Praxis Bülowbogen gewesen. Es geht eben doch um was. Um Trost, den die Deutschen nicht allein im Schwarzwald-Traumschiff-Eskapismus-TV fanden, sondern auch im Bülowbogen-Realismus.