Die Angst vor dem Nichtstun ist am Hamburger Speersort größer als die Angst vor dem Risiko. Das war mein Glück. Ende der neunziger Jahre befand sich die ZEIT in einer Umbruchphase. Der neue Chefredakteur Roger de Weck krempelte das Blatt um. Äußerlich erkennbar an einem moderneren Layout, vollzog sich der eigentliche Wandel im Inneren: Jüngere Redakteure übernahmen das Ruder, andere Schreibstile mischten sich mit nüchterner Tradition. Und neue Themen drängten ins Blatt.

Schon immer war die Bildungspolitik, waren die Reformen an Schulen und Hochschulen ein Kernthema der ZEIT. Vor allem im Ressort Wissen, ab und an auch im Politikteil und im Feuilleton. Aber durch die vielen neuen Studiengänge, ein Wirrwarr an Schulformen und neuen Karrierewegen, wuchs um die Jahrtausendwende das dringende Bedürfnis nach Einordnung. Dafür brauchte es einen festen Platz.

Aus dem Wissen, dem jüngsten Ressort, sollte die neue Bildungsseite entwickelt werden. Also dort, wo ich, mit 39 Jahren der älteste Hospitant aller Zeiten, gerade zu Gast war. Als für die Planung der neuen Bildungsseiten ein Verantwortlicher gesucht wurde, sagte ich: "Ich kann das ja erst mal machen." Zu meiner Freude antwortete der neue Wissen-Ressortleiter, Andreas Sentker: "Ja, mach mal."

Es folgten: heitere Runden zur Namensfindung. Aufgefordert vom Hospitanten, gruppierten sich die Redakteure klaglos um einen kleinen Couchtisch. Um der Sache einen systematischen Anschein zu geben, nutzte ich die Brainstorming-Methode 753: Sieben Menschen schreiben innerhalb von fünf Minuten drei Ideen auf, dann geben alle den Zettel weiter. In der nächsten Runde geschieht das Gleiche, aber man lässt sich durch die Ideen der Vorgänger anregen. "Bildung und Berufung" lautete ein Vorschlag, "Laufbahn" ein anderer. Auch "Fahrstuhl", "Humboldt" oder "Reich und berühmt" waren im Rennen. Genau wie "Hamsterrad" oder "Tretmühle". Wir entschieden uns für "Chancen" – ein Vorschlag des Wissenschaftsredakteurs Hans Schuh –, weil das, wie wir fanden, irgendwie optimistisch klang.

Auch dem Verlag, also den Kaufleuten im Haus, kam die journalistische Entwicklung zupass. Damals wie heute ist der akademische Stellenmarkt eine wichtige ökonomische Stütze der Zeitung.

Uns war von Beginn an klar, dass wir keine glatten Karriereseiten produzieren wollten. Und altmodischer Bildungsjournalismus, der sich in kulturpessimistischen Betrachtungen der Lehranstalten erschöpfte, war uns zuwider. Stattdessen wollten wir Geschichten aus dem gesamten Bildungs- und Berufsleben erzählen, vom Kindergarten über die Schule bis zu Hochschule und Beruf.

Schon der erste Artikel in der Ausgabe vom 29. Januar 1998 über Studienabbrecher war Programm. Unter der Überschrift "Aufbruch statt Abbruch" schrieben wir ein Lob des Scheiterns: Der "finanziell abgesicherte, männliche Vollzeitstudent mit klaren Berufsvorstellungen" sei eben nicht mehr die Norm, vielfältige Bildungswege seien die Zukunft. Illustriert wurde der Artikel vom Cartoonisten Tex Rubinowitz, dessen Karikaturen für viele Jahre das Erkennungszeichen der Chancen werden sollten. Ruppiger Strich und Figuren, die absurde Dialoge führten. Mit seinem Schreibstil gewann Rubinowitz Jahre später übrigens den renommierten Bachmann-Preis. Er war nicht der Einzige, der sich im Chancen-Ressort empfahl. Viele junge Journalisten konnten hier als Schreiber und Redakteure auf sich aufmerksam machen, bevor sie in der ZEIT und anderswo eine tragende Rolle spielten.