Karl Marx hatte offenbar zu viele Romane von Marquis de Sade gelesen und sich aus einem davon den Satz "Religion ist Opium des Volkes" herausgefischt. Von da an negierte die marxistische Lehre die zahlreichen sozialkritischen Passagen, wie sie in der Bibel durchaus zu finden sind, bei den alten Propheten etwa von Amos bis Jeremia oder auch in Jesu Bergpredigt und der Apostelgeschichte.

Kommunismus und Kirche waren, seit Marx und Engels das Kommunistische Manifest verfasst haben, Feinde. Karl würde sich heute die Augen reiben, wenn er sähe, dass es vor allem die Kirchen sind, die ihre Stimme für die Opfer der Globalisierung und des Sozialabbaus erheben, nachdem die linken Ideologien historisch gescheitert sind. Von den Protestanten ist man solche kapitalismuskritischen Stimmen eher gewohnt, obwohl sie die Gewinnmaximierung mit ihrer Ethik immer glänzend vereinbaren konnten. Bei der katholischen Kirche findet man Ansätze in der lateinamerikanischen Befreiungstheologie. Papst Johannes Paul II. hat die weltweite Ungleichheit zwischen Arm und Reich angemahnt, sein Nachfolger Benedikt XVI. kümmerte sich eher um die Probleme der inneren Verfasstheit seiner Kirche.

Mit Franziskus besetzt nun der Vertreter eines Armutsordens den Thron im Vatikan, und das färbt auch auf mehrere deutsche Kardinäle und Bischöfe ab. Sein Wort aus dem apostolischen Schreiben Evangelii gaudium, dass diese Wirtschaft töte, ist noch nicht verhallt. So forderte im November letzten Jahres die Deutsche Bischofskonferenz "mehr Einsatz für Menschen in bitterster Armut weltweit". Auf nationaler und internationaler Ebene müssten Entscheidungen und Strukturen in Politik, Wirtschaft und Verwaltung stärker am Gemeinwohl orientiert werden. In der Diskussion um eine gerechte Wirtschaftsordnung ist laut dem Essener Bischof Franz-Josef Overbeck "die Kirche neu gefordert". Geld und Besitz müssten eine strikt dienende Funktion haben, das Vertrauen in die Wirtschaft gehe auf Dauer verloren, wenn das Kapital nicht den Lebensmöglichkeiten der Menschen diene.

Im Dezember 2016 forderte bereits der Freiburger Erzbischof Stephan Burger von den VW-Topmanagern, Verantwortung für den Abgasskandal zu übernehmen und Bonuszahlungen zurückzuerstatten. Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki kritisierte Ende Oktober 2017 im Kölner Domradio die Ausbeutung "moderner Arbeitssklaven", die sich als "Tagelöhner unserer Zeit" auf dem Bau, in Schlachthöfen oder als Reinigungskräfte wiederfänden. Woelki nannte es einen Skandal, "dass diese Ausbeutung Tag für Tag vor unseren Augen geschieht".

Der Münchner Kardinal Reinhard Marx lobte zum Neujahr 2018 Karl Marx anlässlich des kommenden 200. Geburtstags seines Namensvetters. Der habe gesehen, was passiere, wenn sich die Wirtschaft gegen den Menschen richte. Nicht nur auf den Profit gelte es zu schauen, sondern auf das Wohl aller. Reinhard Marx forderte indes die Kirche dazu auf, die Debatte um soziale Gerechtigkeit zu führen, "damit nicht die alten Dämonen des Marxismus wiederkehren mit der Behauptung, sie hätten Antworten".

Seit an Seit mit der Belegschaft stand der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt bei ihrem Kampf um die Arbeitsplätze im dortigen Siemens-Turbinenwerk. Ein Herz für die Kumpel im sächsischen Tagebau zeigte Ipolt zudem, als er am 18. Januar dieses Jahres vor einem überstürzten Ausstieg aus der Braunkohle warnte – trotz aller Ambivalenz und bei aller Sympathie für saubere Energieformen, wie er sagte. Die Zeiten, in denen seine Kirche als Hort schamloser Bereicherung und für den Pakt mit den Ausbeutern stand, scheinen endgültig vorbei zu sein.

"Ich beschränke mich auf bloß kritische Zergliederung des Gegebenen, statt Rezepte für die Garküche der Zukunft zu verschreiben", schrieb Karl Marx im Nachwort zu Das Kapital. Dass ausgerechnet die Kirchen heute nüchterne opiatfreie Zutaten liefern, hätte er wohl mit Wohlwollen goutieren müssen. Schließlich hat er sich einst auch selbst eingestanden: "Ich bin kein Marxist."