Das Lob des komischen Mannes ist in jüngster Zeit oft gesungen worden. In den USA ist der unberechenbare, keinem machtpolitischen Interesse verpflichtete Stand-up-Comedian zu einer Instanz geworden, weil er sozusagen nackt die Autoritäten herausfordert, den Trump einen Deppenkaiser und die Klimawandel-Leugner einen Haufen Idioten nennt. Was CBS und CNN zu diesem oder jenem Skandal zu sagen haben, ist wenig relevant, da erwartbar, aber was Stephen Colbert, John Oliver, Trevor Noah und David Chappelle finden, das sollte man schon wissen.

In gewisser Weise folgt auch das Theater diesem Trend: indem nämlich immer häufiger Schauspieler aus ihren Rollen heraustreten und wie Comedians das zu spielende Drama und die kaum zu rettende Welt verlachen. Wenn Karin Beier jetzt am Hamburger Schauspielhaus Shakespeares Kaufmann von Venedig inszeniert, so dient das Stück geradezu als Basis für vorlaut aus der Szene herausspringende Joker.

Dies ist die Geschichte: Antonio, der Kaufmann von Venedig, leiht von Shylock 3.000 Dukaten, was kein unbelastetes Geschäft ist, da die beiden Männer, der eine Christ, der andere Jude, sich hassen. Das wird im Kleingedruckten manifest: Sollte der Christ nicht imstande sein, das Geld binnen dreier Monate zurückzuzahlen, fordert der Jude zur Kompensation ein Pfund von Antonios Fleisch – herznah aus dem Leib geschnitten vom Schuldner persönlich.

Das Drama als Comedy. Kaum ist dies beschlossen, springt schon der Schauspieler Matti Krause herbei, der ansonsten im Stück den Bassanio und den Tubal spielt, und beginnt, um die ungeheure Vereinbarung eine Art heitere Nummer herumzubauen. Ein Pfund Fleisch? An welches Körperteil das Publikum denn denke, fragt er in den Saal: an den Penis? "Niemals ist Antonios Schwanz ein Pfund schwer", sagt fachmännisch Krause (oder ist es schon Bassanio?). Der Zuschauer erfährt, dass Shylock eine süße Tochter hat, die er mies behandelt – er, der Vater, hat ihr Telefon in den Swimmingpool geworfen! (Wie bedeutend das Mobiltelefon ist, als Geheimnisträger und Gedächtnis seines Besitzers, wird hier ganz klar; es ist auch als oberstes Requisit eines ironisch zwinkernden Regiestils unentbehrlich geworden – ein Sachverhalt, auf den wir noch zurückkommen.)

Wir sehen in Hamburg weitere Beispiele von Dramen-Comedy. Das mannequinartige Gehabe, das mokante Bewegungsrepertoire der Venezianer ist verbissen selbstbezüglich: Mit rausgestellten Schultern und stoßenden Hüften wackeln sie zur Rampe. Sie sind der eigenen Sorglosigkeit überdrüssig und zeigen Zeichen von Dekadenz, Nichtüberraschbarkeit liegt auf ihren Gesichtern. Sie stellen sich schwierige Fragen: "Warum leben wir im Glanz und sind dennoch traurig? Warum sehen die Aborigines im Fernsehen immer so traurig aus?"

Und schon hier erkennen wir, dass die Schauspieler eher bei uns als in Shylocks Welt sind. Dass sie mindestens so sehr Volkspädagogen wie Darstellungskünstler sind. Die Venezianer sind ja, so lernen wir, wie wir! Beziehungsweise: Wir sind in Gefahr, so zu werden wie diese Venezianer.

Wer in Deutschland den Kaufmann von Venedig spielt, sichert sich gern ab durch pädagogische Beigaben. Im Nationalsozialismus wurde das Stück als ein Brandbeschleuniger zum Schüren antisemitischer Ressentiments eingesetzt, der jeweilige Shylock wurde vom Publikum oft mit Buhs begrüßt, und so etwas, könnte man sagen, vergisst ein Stück nicht – und ein (nachgeborenes) Publikum auch nicht.

Wofür will das Publikum, wofür wollen die Künstler gehalten werden? Keinesfalls für Antisemiten. Wohl aber für authentische Menschen. Und da wird’s schon schwierig. Wie spielt man eine Figur, wie applaudiert man einem Ensemble, wenn man von vornherein weiß, was man nicht machen darf? (Man darf Shylock nicht Werner-Krauß-haft mit Kaftan, Schläfenlocken und verschlagenem Blick zeigen; man darf über Witze auf seine Kosten keinesfalls lachen.) Beier inszeniert das Stück in einem Gestus, als sei es ein Parcours voller Sprengfallen. Hindurch führt sie ihre Spieler wie eine Schar sympathischer Tretminensucher.