Ijad und seine vier Freunde haben sich im Einkaufszentrum der Polizei ergeben. Von zwei Seiten wurden sie von patrouillierenden Beamten eingekesselt. Die jungen Syrer kichern, als sie ihre Ausweise aushändigen. Der Einsatzleiter versucht, ernst zu schauen. Es gelingt ihm aber nicht ganz. Man ist einander bereits vertraut im Blechen Carré, jenem Einkaufszentrum, das die brandenburgische Stadt Cottbus bundesweit in die Schlagzeilen brachte.

Drei Vorfälle hat es hier gegeben. Erst zückte ein 14-jähriger Syrer am 12. Januar unweit des Schuhladens im zweiten Stock ein Messer und bedrohte damit ein Ehepaar. Fünf Tage später dann soll ein 16-jähriger Syrer einem deutschen Jugendlichen mit einem Messer eine Schnittwunde im Gesicht zugefügt haben. Am 23. Januar schließlich sollen zwei Syrer drei Kunden bedrängt haben. Die Polizei teilte mit, dass einer der beiden, der "polizeibekannt" sei, an seinen Gürtel gefasst haben soll. "So entstand der Anschein, dass er ein Messer ziehen wollte", hieß es in der Polizeimeldung.

Danach schlug der Oberbürgermeister Alarm: Cottbus sei überfordert. Er verlangte einen Zuzugsstopp für Flüchtlinge in seine Stadt. Sonst könne man der Lage nicht mehr Herr werden, und es entstünden womöglich "rechtsfreie Räume". Seit Monaten organisiert außerdem ein an die fremdenfeindliche Pegida-Bewegung erinnernder Verein namens Zukunft Heimat Demonstrationen durch die Stadt.

Seither wird diskutiert, ob der deutsche Staat hier noch sein Gewaltmonopol verteidigen kann – zwischen Drogeriemarkt, Bäckerei und Billigwarenhaus. Lässt sich in Cottbus wirklich das Scheitern von Angela Merkels Flüchtlingspolitik beobachten? Oder kuscht hier ein Oberbürgermeister vor den Rechtspopulisten in seiner Stadt?

Eins vorweg: Das Problem von Cottbus beginnt mit seiner Attraktivität. Die Stadt ist beliebt, insbesondere unter Flüchtlingen. Wer in Brandenburg das Asylverfahren durchlaufen hat und bleiben darf, kann seinen Wohnort frei auswählen. Viele wählten bislang Cottbus. So kommt es, dass in der 100.000-Einwohner-Stadt nun rund 4.300 Flüchtlinge leben.

© ZEIT-GRAFIK

Darunter Jugendliche wie Ijad. Er ist offenbar der Sprecher der Flüchtlingsclique im Blechen Carré, obwohl er aussieht, als sei er der Jüngste von allen. Trotz der milden Temperaturen und vielleicht um etwas mehr Körpermasse vorzutäuschen, hat er an diesem Abend eine besonders dicke Winterjacke angezogen. "Die Polizeikontrollen sind normal", sagt er. "Mittlerweile fragen sie uns zwei‑, dreimal pro Tag nach unseren Ausweisen." Der Begriff "polizeibekannt" bekommt da eine ganz neue Bedeutung. Vor dem Einkaufszentrum gehen auch junge Leute umher, angetan mit Kleidung rechtsextremer Marken. Die Polizei kontrolliert auch sie. Groß gestritten wird in Cottbus aber aktuell nur über eine der beiden Gruppen.

Ob Ijad weiß, dass er und seine Freunde Gesprächsthema in ganz Deutschland sind? Ijad nickt. Er spricht fließend Deutsch. "Mit dem Typen, der neulich ein Ehepaar mit einem Messer bedroht hat, haben wir wirklich nichts zu tun." Dabei hieß es, dass einer der an den Vorfällen beteiligten Syrer – er sitzt derzeit in Untersuchungshaft – einst Teil von Ijads Clique gewesen sein soll. "Ich schwöre, wir kannten uns noch nicht mal richtig. Uns ist langweilig. Wir setzen uns nach der Schule ins Einkaufszentrum, schauen Filme auf unseren Handys, versuchen ein bisschen Spaß zu haben. Das ist die ganze Geschichte", sagt Ijad. Dann klingelt sein Telefon. "Ja, Mama! Ich bin gleich da", er müsse jetzt gehen. Zum Abschied bittet Ijad den Reporter um eine Sache: "Kannst du schreiben, dass in Cottbus kein Bürgerkrieg ausgebrochen ist? Dann würden sich alle wieder beruhigen." Das Gleiche sagt auch eine Verkäuferin im Blechen Carré. Es gebe hier zwar "Halbstarke", die Probleme machten. Aber "es wäre super, wenn die Presse mal berichten könnte, dass in Cottbus kein Ausnahmezustand herrscht – schon gar nicht wegen irgendwelcher Kinder."

Ein paar Tage nachdem er im Innenausschuss des Landtages Alarm geschlagen hat, sitzt Holger Kelch, Cottbus, CDU-Oberbürgermeister, mit zufriedenem Lächeln in seiner holzvertäfelten Amtsstube, an der Wand hinter seinem Schreibtisch hängt ein Bismarck-Gemälde. Die Regionalzeitungen berichten an diesem Tag vom "Hilferuf" aus Cottbus. Kelch ist erleichtert. "Es ist gut, dass ich endlich mal Dampf ablassen konnte", sagt er. "Ich wollte diese Bühne nutzen."

Er hat nun mehr Polizisten und Mittel für Sozialarbeiter bekommen, auch werden vorerst keine Flüchtlinge mehr aus der Erstaufnahmeeinrichtung nach Cottbus geschickt. Klar gemacht hat Kelch außerdem, was er vom Familiennachzug hält: nichts. Seine Stadtverwaltung hat ausgerechnet, dass Cottbus bis zu 1.500 weitere Flüchtlinge aufnehmen müsste, wenn der Nachzug gestattet würde. "Dann fliegt mir die Stadt um die Ohren", sagt er.

Kelch ist ein seltenes Phänomen unter den ostdeutschen Bürgermeistern. Die neigen sonst eher dazu, Probleme kleinzureden, um ihre Stadt bloß nicht in Verruf zu bringen. Er entschied sich für das Gegenteil und redete die Krise groß.

Keine No-go-Areas

Bis vor einigen Monaten, sagt die Cottbuser Polizei, sei die Zahl der von Zuwanderern begangenen Straftaten so gering gewesen, dass sie statistisch kaum eine Rolle gespielt habe. Das sei nun anders, aber Zahlen hat das Innenministerium noch nicht veröffentlicht. Im vorigen Jahr machte vor allem ein Fall Schlagzeilen: der einer getöteten Rentnerin aus Cottbus; tatverdächtig ist ein 18-jähriger Syrer.

Der Sprecher der örtlichen Polizei, Torsten Wendt, versucht zu beruhigen. Es werde bisweilen von bürgerkriegsähnlichen Zuständen gesprochen. "Aber das ist, pardon, Unsinn", sagt er. Es gebe lediglich eine überschaubare Zahl von meist jugendlichen Flüchtlingen, die immer wieder Straftaten begingen. Rund ein Dutzend.

Kocht der Bürgermeister also die Probleme hoch, um die Unterstützung zu bekommen, die er möchte? Natürlich nicht, erwidert Kelch. Dann zeigt er sich erleichtert, dass es bei ihm in der Stadt zum Glück noch keine sogenannten No-go-Areas gebe. "In Westdeutschland gibt es sie", behauptet Kelch, "und ich will nicht, dass so etwas hier entsteht."

Politiker der Linkspartei kritisieren, dass der Bürgermeister mit seinem Alarm das Geschäft der Rechtspopulisten betreibe. Damit ist Hans-Christoph Berndt gemeint, von Beruf Labormediziner an der Berliner Charité. Im Jahr 2015 gründete er Zukunft Heimat. Auf einer der vielen Demonstrationen des Vereins sagte er: "Eine Gruppe Rotzlöffel, die nichts für unser Land getan haben, beansprucht den Vortritt gegenüber Einheimischen, die sie beherbergen, verpflegen und versorgen." Spricht man direkt mit ihm, drückt er sich gewählter aus. Er sehe in Cottbus einen "Prozess des fortschreitenden Verlustes an innerer Sicherheit".

Berndt arbeitet mit der AfD zusammen. Auch Rechtsextreme kommen zu den Demos. Der Brandenburger Verfassungsschutz hält die rechtsextremistische Szene in Cottbus für "hochgradig gewaltorientiert". Berndt stört sich an diesen Teilnehmern nicht. Er behandle jeden gleich. "Wenn die sich friedlich an unseren Kundgebungen beteiligen und die Aussagen und das Erscheinungsbild nicht stören, habe ich mit ihnen kein Problem", sagt er.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio