Noch nie gab es so viele Arbeitsplätze in Hamburg wie jetzt. Doch in den vergangenen Jahren hat sich die Wirtschaft in der Stadt schwächer entwickelt als im Rest Deutschlands (ZEIT Nr. 49/17). Ein Warnzeichen? Bürgermeister Olaf Scholz spricht vom größten wirtschaftlichen Umbruch seit der industriellen Revolution, Handelskammerpräses Tobias Bergmann fordert, die Stadt müsse dringend darüber reden, wer künftig den Wohlstand erwirtschaften soll. Also dann: Verpasst Hamburg gerade die Digitalisierung? Wir haben vier Experten eingeladen.

DIE ZEIT: Hamburg geht es so gut wie nie. Können wir zufrieden sein und den Erfolg genießen?

Henning Vöpel: Nein, wir dürfen nicht der Illusion erliegen, dass alles einfach so weitergeht. Die Welt verändert sich gerade massiv, und die Geschwindigkeit dieser Veränderungen nimmt exponentiell zu. Wir haben vielleicht noch fünf Jahre, um uns an den Wandel anzupassen.

ZEIT: Handelskammerpräses Tobias Bergmann hat die Situation kürzlich mit der des Ruhrgebiets vor 60 Jahren verglichen. Damals erlebte die Stahlindustrie ihr bestes Jahr, alle im Ruhrpott waren ungefähr so zufrieden wie Hamburg jetzt. Dann ging es bergab. Sollte das Hamburg eine Warnung sein?

Christoph Wöhlke: Um unseren Führungsmitarbeitern das Ausmaß des Wandels klarzumachen, zeige ich ein Video vom Tsunami 2004 in Thailand. Da stehen ein paar Deutsche am Strand und wundern sich über die hohen Wellen, und einer sagt noch: "Guck mal, da sinkt ein Schiff." Im Hintergrund sieht man, wie die Einheimischen anfangen zu rennen.

ZEIT: Das klingt sehr dramatisch ...

Vöpel: Nein, Herr Wöhlke hat recht. Man denkt, das ist alles weit weg, aber die digitale Zukunft rast immer schneller auf uns zu. Wir müssen gerade in Hamburg gut vorbereitet sein. Uns steht ein fundamentaler Strukturwandel bevor.

Michael Kruse: Das Schlimme ist, dass es immer noch Politiker gibt, die denken, man könne sich aussuchen, ob man bei der Digitalisierung mitmacht oder nicht. Wir müssen jetzt Veränderungen anstoßen, damit es uns in zehn Jahren noch gut geht.

Stefanie Huppmann: Mich wundert es, dass nicht nur in der Politik, sondern auch in vielen Unternehmen noch relativ wenig über dieses Thema geredet wird.

ZEIT: Digitalisierung ist ein abstraktes Schlagwort. Können Sie erklären, was sich gerade ändert und warum das so große Auswirkungen auf die Hamburger Wirtschaft haben könnte?

Vöpel: Was uns bisher Erfolg gesichert hat, wird in Zukunft nicht mehr funktionieren. Deutschlands Erfolge beruhten bisher darauf, dass wir Produktionsprozesse in Einzelteile zerlegt haben, Ingenieure jedes Teil immer effizienter gemacht und Handel und Logistik alles wieder zusammengesetzt haben. Doch jetzt stehen wir vor einem Wandel wie zuletzt bei der Erfindung der Dampfmaschine. 3-D-Druck macht die Produktion viel einfacher und günstiger. Digitale Plattformen wie Amazon, Airbnb oder Uber bringen Anbieter und Konsumenten direkt zusammen. Alle, die sich auf die Zwischenschritte spezialisiert haben, werden nicht mehr gebraucht. Ohne große finanzielle Ressourcen können neue Ideen innerhalb kurzer Zeit die Geschäftsmodelle ganzer Branchen überflüssig machen, wie wir das bei CDs oder im Buchhandel bereits sehen.

Wöhlke: Die Machtverhältnisse verschieben sich. Künstliche Intelligenz wird unser Leben massiv verändern. Man kann davon ausgehen, dass in fünf bis sieben Jahren alle unsere Haushaltsgeräte Schnittstellen zum Internet haben. Diese werden über Sensoren permanent Daten erheben und über Anwendungen wie Alexa immer und überall mit uns kommunizieren. Diese Schnittstellen sind eine entscheidende Grundlage für die Geschäftsmodelle der Zukunft. Es ist kaum vorherzusehen, wie und was sich alles ändert, weil die technischen Entwicklungen sich überlagern und gegenseitig beschleunigen.

Vöpel: Genau, und deshalb muss sich gerade Hamburg besonders gut vorbereiten, weil Handel und Logistik sehr schnell und vielfältig betroffen sein werden. Wenn Produzenten und Konsumenten direkt zueinander finden, schwinden dort zuerst die Gewinne.

Wöhlke: Viele denken, das ist ein reines Wirtschaftsthema, dabei geht es um tief greifende soziale Veränderungen: Es gibt eine Verschiebung der Macht von Institutionen zum Individuum. Daher braucht es überall neue Antworten, um das Gemeinwesen zu organisieren. Aus diesem Grund ist Digitalisierung ein meist falsch verstandener Begriff. Wir sprechen bei uns im Unternehmen von Kundenzentrierung.

ZEIT: Können Sie das erklären?

Wöhlke: Wir können mithilfe von Daten unsere Kunden viel besser verstehen als früher. Früher haben wir einfach einen Drogeriemarkt gebaut, und wenn kein anderer in der Nähe war, konnten wir den so schlecht betreiben, wie wir wollten, die Kunden mussten bei uns kaufen. Heute kann der Kunde mit einem Klick die Zahnpasta beim Wettbewerber bestellen.