DIE ZEIT: Egal, ob es um Landwirtschaft, die Zukunft der Industrie oder die Energiewende geht, überall werden riesige Hoffnungen in die Digitalisierung gesetzt. Denn mit ihr kommt ein großes Effizienzversprechen: Digitalisierung soll Energie und Rohstoffe einsparen. Was halten Sie davon?

Tilman Santarius: Angesichts der brennenden globalen Krisen muss sich die "vierte industrielle Revolution" daran messen lassen, ob sie zum notwendigen ökosozialen Wandel unseres Wirtschaftens beiträgt. Aber ich sehe große Risiken für Nachhaltigkeit und Klimaschutz.

ZEIT: Dann klingt die Verheißung eines deutschen Chemie-Mittelständlers für Sie wohl eher bedrohlich: "Alles, was digitalisierbar ist, wird irgendwann digitalisiert"?

Santarius: Die meisten Unternehmer und Politiker glauben, die Digitalisierung versöhne Ökologie und Ökonomie automatisch. Aber das ist realitätsblind und naiv.

ZEIT: Auch die Bundesregierung verspricht, unsere Wirtschaft werde "durch Digitalisierung nachhaltiger, da sie erheblich zu Ressourcenschonung und Energieeffizienz beiträgt". Das halten Sie also für Greenwashing?

Der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler leitet das Forschungsprojekt "Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation", das die TU Berlin mit dem Institut für ökologische Wirtschaftsforschung unternimmt. Es wird vom Bundesforschungsministerium gefördert. Ende Februar erscheint im Oekom-Verlag das Buch von Santarius und Steffen Lange: "Smarte grüne Welt – Digitalisierung zwischen Überwachung, Konsum und Nachhaltigkeit"

Santarius: Meist schon, wenn auch nicht zwingend. In der Arbeit meiner Forschungsgruppe erkennen wir immer wieder große Chancen bei diesen Zukunftstechnologien. Die Energiewende etwa wird nur gelingen, wenn digital gesteuerte Systeme die erneuerbaren Quellen Sonne, Wind und Biomasse miteinander vernetzen, und ebenso Stromerzeugung, Wärme und Mobilität.

ZEIT: Wo liegt dann das Problem?

Santarius: Der Stromhunger wächst natürlich, je mehr Lebensbereiche digital unterstützt werden. Die Kryptowährung Bitcoin ist da nur ein Extremfall.

ZEIT:China will schon den Strom für Bitcoin-Miner rationieren ...

Santarius: ... Bitcoins sind enorm energiehungrig! Die Blockchain-Technologie, auf der sie gründen, muss reihenweise Datensätze verketten. Eine einzige Transaktion per Digitalwährung fordert rund 10.000-mal mehr Energie als eine Buchung per Kreditkarte. Würden Konzerne oder Privatleute in größerem Stil mit Bitcoins Handel treiben – der Planet wäre sehr schnell ruiniert. Aber das Risiko besteht auch aus einem anderen Grund.

ZEIT: Was meinen Sie damit?

Santarius: Wirtschaft und Politik sehen in der Digitalisierung in erster Linie einen neuen Wachstumsmotor. Allein vom Internet der Dinge erwartet man in den nächsten zehn Jahren in Deutschland 30 Milliarden Euro zusätzliche Gewinne für die Industrie und ein Prozent Wachstum pro Jahr. Aus ökologischer Sicht ist das fatal. Mehr Wachstum bedeutet, dass mehr produziert und verbraucht wird.

ZEIT: Der Verbrauch muss doch nicht steigen, wenn dank der digitalen Steuerung sparsamer produziert wird!

Santarius: Es kommt auf die Bilanz an, und die wird rasch zugunsten der Umwelt gezogen. Dabei gibt es kaum belastbare Untersuchungen zu den ökologischen Folgen der Digitalisierung. Jene Studien, die Einsparpotenziale erheben, beschreiben meist einseitig die Chancen.

ZEIT: Was für Möglichkeiten gibt es da?

Santarius: Die Global Sustainability Initiative zum Beispiel ist ein Netzwerk von 40 Internet- und Telekom-Unternehmen. Ihr zufolge können Informations- und Kommunikationstechnologien durch Effizienzsteigerungen schon bis zum Jahr 2030 ein Fünftel der weltweiten CO₂-Emissionen einsparen. Doch diese Zahlen stehen auf sehr weichem Sand, und der Aufbau neuer digitaler Infrastrukturen und Rechenkapazitäten wird nur unzureichend gegengerechnet. Außerdem verändert das Internet das Konsumverhalten.

ZEIT: Ihre Forschungsgruppe versucht sich nun an der fehlenden Gesamtbilanz ...

Santarius: ... und damit betreten wir Neuland. Zwar diskutiert die Öffentlichkeit endlich darüber, dass die rasante elektronische Durchdringung aller Wirtschaftsbereiche große Risiken für den Datenschutz und den Arbeitsmarkt mit sich bringt. Aber ökologische Auswirkungen sind bislang kaum ein Thema.