Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Werder an der Havel. © Christine Oppe

"Gewalt? Die Gewalt ging doch von der Lawine aus, die uns beide mitgerissen hat. Ich war doch nicht die Lawine. Ich hab sie doch nur losgetreten. Und lostreten ist ein ganz falsches Wort für das, was uns in dieser Nacht passiert ist."

"Wovon redest du?", frage ich meinen alten Freund Klaus, von dem ich genau weiß, dass er nie im Leben Ski gefahren ist. – "Ich rede davon, wie unser erstes Kind entstanden ist!" Er muss jetzt loswerden, was ihn bedrückt: "Sie wollte damals kein Kind, sie hatte andere Pläne. Ich wusste das und wollte weder ihren Lebensplan zerstören, noch war ich bereit, Vater zu werden. Aber ich hab sie so sehr geliebt! Nachts bin ich mit der Leiter in ihr Fenster gestiegen, hab im Mondlicht bei ihr gehockt und sie ganz vorsichtig geweckt, damit sie keinen Schrecken bekommt. Da hat sie mich unter ihre Decke gelassen, nur zum Aufwärmen, hat sie gesagt, und wir sind miteinander warm geworden. Haben uns nur gehalten. Das war so unbeschreiblich groß, dass es uns beide überstieg, wir haben immer rascher geatmet und ES hat uns mitgenommen. Wir haben es nicht getan, nein, ES hat es getan mit uns. Man kann ES nicht tun, aber man kann IHM Raum geben und Zeit. Ohne zu wissen, was man tut."

– Und: Verhüten?" – "Sie war die Tochter meines Professors, als ich angezogen unter ihre Decke kroch, dachte ich nicht daran, mit ihr zu schlafen." – "Sehr romantisch." – "Die nächtliche Motorradfahrt, dies Fensterln – ein Abenteuer. Alles Weitere haben wir geschehen lassen, das war so viel größer als unser Wollen. Die reinsten Gefühle, deren ich fähig bin. Und hab mich so schuldig gefühlt im Morgengrauen, weil sie es doch eigentlich nicht gewollt hatte. Weil ich sie doch, wie sagt man: rumgekriegt hatte mit meinem nächtlichen Überfall. Ich hatte die Lawine losgetreten, nicht sie. Und dann war ES auch in ihr und sie konnte sich nicht dagegen wehren, ES war stärker als ihre Verweigerung, ich spürte ja, was da in ihr aufbrach und losrollte, uns beide überrollte und mitriss, ich spürte ja die Lawine und war im siebten Himmel ... So wurde aus einem Nein ein Ja. Und am nächsten Morgen war es eine Katastrophe. Wir haben dann ja auch geheiratet. Aber damals wollte sie das alles nicht."

– "Nein heißt nein. Da haben die Frauen recht, uns das so klar zu sagen: Versucht erst gar nicht, uns rumzukriegen, es könnte euch gelingen. Was da so viel größer ist als wir, das kann teuflisch oder himmlisch sein. Und ob es das eine oder andere ist, hat mit diesem Einverständnis zu tun, damit, dass man klaren Sinnes Ja sagen kann zu dem, was da geschehen und entstehen will." – "Recht hast du. Und doch: Gäbe es dieses wunderbare Kind ohne diese Liebesnacht?"