Elisabeth Vogl war vorbereitet, als sie im Herbst 2015 einwilligte, eine Klasse mit Flüchtlingskindern zu übernehmen. Sie war auf Enttäuschungen eingestellt, auf Momente der Überforderung, auf unbezahlte Überstunden. Sie hatte viel gelesen, sie wusste, dass manche Flüchtlinge aus Gegenden kommen, in denen Frauen nicht viel zu sagen haben. Sie wusste, dass Tausende Menschen, die nach Deutschland geflohen sind, nicht lesen und schreiben können. Sie wusste, dass es Kinder gibt, die Albträume haben und sich seit ihrer Flucht übers Meer schwer konzentrieren können. Vogl hatte sich viele Gedanken gemacht und wenig Illusionen. Sie war auf alles gefasst. Nur nicht auf ein Kind wie Roya.

Roya Samadi, sieben Jahre alt, ist Anfang 2016 mit ihrer Familie aus Afghanistan geflohen, ein Kind mit Pausbacken und kurzem schwarzem Haar. Elisabeth Vogl, 58 Jahre alt, ist Grundschullehrerin, seit mehr als 30 Jahren. Sie sieht aus, als habe der Beruf sie vor dem Altern bewahrt, ihre Wangen sind rosig, sie trägt enge Jeans und um den Hals eine bunte Kette aus Filz. Vogl stützt sich auf den Lehrertisch, hinter ihr die Tafel mit dem deutschen Alphabet, vor ihr die Klasse: Kinder aus Pakistan, aus Syrien, Afghanistan, Nigeria. In der zweiten Reihe rechts sitzt Roya, in grauem Pulli und ausgebeulten Jeans. Die Mädchen am Nachbartisch tragen weiße Röcke, lila Hosen, rosa Schuhe. Royas Füße stecken in blauen Turnschuhen, auf denen ein Tyrannosaurus Rex abgebildet ist, der die Zähne fletscht.

Roya ist ein Mädchen. Man muss das betonen, weil man es nicht sieht. Auch nicht auf den zweiten Blick. Sie hat das Haar an den Seiten abrasiert und oben zu starren Zacken gegelt. Wenn sie Sportunterricht hat, zieht sie sich in der Jungskabine um. Wenn die Schulklasse schwimmen geht, kommt sie nicht im Badeanzug, sondern in schlabbrigen Shorts, die sie beim Duschen anbehält. Wenn es zur großen Pause läutet, rennt sie mit den Jungs auf den Bolzplatz, mit den Mädchen spielt sie fast nie. Von ihren älteren Schwestern wird sie "Bruder" genannt, von ihrer Mutter "Sohn". Zum Pinkeln ging sie bis vor Kurzem aufs Männerklo. Nie ans Pissoir, immer in die Kabine, aber das fiel lange Zeit niemandem auf.

Es ist ein Dienstagmorgen im Herbst 2017, die Schulglocke läutet zur ersten Stunde. "Guten Morgen, ihr Lieben!", sagt Elisabeth Vogl. "Guten Morgen, Frau Vogl!", rufen die Kinder im Chor.

Die jüngsten sind sechs, die ältesten zehn Jahre alt. Manche können schon deutsche Sätze schreiben, andere wissen nicht, wie man einen Stift oder eine Schere hält. Manche haben Eltern, die nicht lesen können, andere haben in ihrer Heimat eine angesehene Schule besucht. Sie alle sollen einmal in eine deutsche Klasse wechseln. Elisabeth Vogl will ihnen dabei helfen.

Vogl hat einen der schwierigsten Jobs, die es zurzeit in Deutschland gibt. Sie soll in die Tat umsetzen, was in Politikerreden und Gesetzentwürfen oft wie eine Worthülse klingt, wie ein abstrakter Imperativ: Sie soll dafür sorgen, dass sich die Flüchtlinge integrieren. Sie soll ihnen nicht nur Deutsch beibringen, sondern auch die Regeln und Codes, die man kennen muss, um in Deutschland zurechtzukommen.

Die Bedingungen dafür könnten schlechter sein. Vogls Schule liegt in einer baden-württembergischen Kleinstadt mit Vollbeschäftigung und florierendem Mittelstand. Viel Fachwerk, wenig Probleme. Es gibt Flüchtlingsinitiativen, Unternehmer, die Geld spenden, und ältere Damen, die ehrenamtlich bei den Hausaufgaben helfen. Und es gibt Schüler, die fleißig sind. Roya zum Beispiel. In ihrem Jahreszeugnis steht: "Roya hat einen sicheren Alltagswortschatz und spricht die neue Sprache gerne. Ihre Hausaufgaben erledigt sie immer gewissenhaft und sehr sorgfältig."