Elisabeth Vogl war vorbereitet, als sie im Herbst 2015 einwilligte, eine Klasse mit Flüchtlingskindern zu übernehmen. Sie war auf Enttäuschungen eingestellt, auf Momente der Überforderung, auf unbezahlte Überstunden. Sie hatte viel gelesen, sie wusste, dass manche Flüchtlinge aus Gegenden kommen, in denen Frauen nicht viel zu sagen haben. Sie wusste, dass Tausende Menschen, die nach Deutschland geflohen sind, nicht lesen und schreiben können. Sie wusste, dass es Kinder gibt, die Albträume haben und sich seit ihrer Flucht übers Meer schwer konzentrieren können. Vogl hatte sich viele Gedanken gemacht und wenig Illusionen. Sie war auf alles gefasst. Nur nicht auf ein Kind wie Roya.

Roya Samadi, sieben Jahre alt, ist Anfang 2016 mit ihrer Familie aus Afghanistan geflohen, ein Kind mit Pausbacken und kurzem schwarzem Haar. Elisabeth Vogl, 58 Jahre alt, ist Grundschullehrerin, seit mehr als 30 Jahren. Sie sieht aus, als habe der Beruf sie vor dem Altern bewahrt, ihre Wangen sind rosig, sie trägt enge Jeans und um den Hals eine bunte Kette aus Filz. Vogl stützt sich auf den Lehrertisch, hinter ihr die Tafel mit dem deutschen Alphabet, vor ihr die Klasse: Kinder aus Pakistan, aus Syrien, Afghanistan, Nigeria. In der zweiten Reihe rechts sitzt Roya, in grauem Pulli und ausgebeulten Jeans. Die Mädchen am Nachbartisch tragen weiße Röcke, lila Hosen, rosa Schuhe. Royas Füße stecken in blauen Turnschuhen, auf denen ein Tyrannosaurus Rex abgebildet ist, der die Zähne fletscht.

Roya ist ein Mädchen. Man muss das betonen, weil man es nicht sieht. Auch nicht auf den zweiten Blick. Sie hat das Haar an den Seiten abrasiert und oben zu starren Zacken gegelt. Wenn sie Sportunterricht hat, zieht sie sich in der Jungskabine um. Wenn die Schulklasse schwimmen geht, kommt sie nicht im Badeanzug, sondern in schlabbrigen Shorts, die sie beim Duschen anbehält. Wenn es zur großen Pause läutet, rennt sie mit den Jungs auf den Bolzplatz, mit den Mädchen spielt sie fast nie. Von ihren älteren Schwestern wird sie "Bruder" genannt, von ihrer Mutter "Sohn". Zum Pinkeln ging sie bis vor Kurzem aufs Männerklo. Nie ans Pissoir, immer in die Kabine, aber das fiel lange Zeit niemandem auf.

Es ist ein Dienstagmorgen im Herbst 2017, die Schulglocke läutet zur ersten Stunde. "Guten Morgen, ihr Lieben!", sagt Elisabeth Vogl. "Guten Morgen, Frau Vogl!", rufen die Kinder im Chor.

Die jüngsten sind sechs, die ältesten zehn Jahre alt. Manche können schon deutsche Sätze schreiben, andere wissen nicht, wie man einen Stift oder eine Schere hält. Manche haben Eltern, die nicht lesen können, andere haben in ihrer Heimat eine angesehene Schule besucht. Sie alle sollen einmal in eine deutsche Klasse wechseln. Elisabeth Vogl will ihnen dabei helfen.

Vogl hat einen der schwierigsten Jobs, die es zurzeit in Deutschland gibt. Sie soll in die Tat umsetzen, was in Politikerreden und Gesetzentwürfen oft wie eine Worthülse klingt, wie ein abstrakter Imperativ: Sie soll dafür sorgen, dass sich die Flüchtlinge integrieren. Sie soll ihnen nicht nur Deutsch beibringen, sondern auch die Regeln und Codes, die man kennen muss, um in Deutschland zurechtzukommen.

Die Bedingungen dafür könnten schlechter sein. Vogls Schule liegt in einer baden-württembergischen Kleinstadt mit Vollbeschäftigung und florierendem Mittelstand. Viel Fachwerk, wenig Probleme. Es gibt Flüchtlingsinitiativen, Unternehmer, die Geld spenden, und ältere Damen, die ehrenamtlich bei den Hausaufgaben helfen. Und es gibt Schüler, die fleißig sind. Roya zum Beispiel. In ihrem Jahreszeugnis steht: "Roya hat einen sicheren Alltagswortschatz und spricht die neue Sprache gerne. Ihre Hausaufgaben erledigt sie immer gewissenhaft und sehr sorgfältig."

Flüchtlingskinder wurden ohne ärztliche Untersuchung eingeschult

Roya Samadi wurde im Sommer 2016 eingeschult, als Junge. Ihren Vornamen hatten die Lehrer noch nie gehört, sie dachten, er sei männlich. Der Sozialarbeiter der Schule, ein Mann mit Nickelbrille und langem Zopf, erinnert sich: "Roya war immer bei den Jungs dabei, sie hat selbst von sich gesagt, dass sie ein Junge ist. Wenn Frau Vogl nicht so gute Antennen gehabt hätte, wäre uns überhaupt nichts aufgefallen."

Die ersten Zweifel kommen Elisabeth Vogl an einem Tag im Februar 2017. Damals gehen unter den Schülern die Läuse um. Besonders hartnäckig halten sie sich bei den afghanischen Kindern. Sie leben alle in derselben Unterkunft, in einem Mehrfamilienhaus mit Gemeinschaftsbädern und Doppelstockbetten. Vogl ist an diesem Tag zu Besuch, sie bringt Läuseshampoo für ihre Schüler vorbei. Zufällig trifft sie dort eine Kindergärtnerin, die ebenfalls Läusemittel verteilt. Zum Glück seien in ihrer Kindergartengruppe fast nur Jungs, erzählt sie, alle mit kurzem Haar. Und das einzige Mädchen der Gruppe habe auch eine Kurzhaarfrisur. Ungewöhnlich kurz für ein Mädchen, fügt die Kindergärtnerin noch hinzu, überhaupt sei das Kind ein kurioser Fall, die Eltern hätten es als Jungen anmelden wollen, dabei sei es zweifelsfrei ein Mädchen.

Als Elisabeth Vogl den Nachnamen des Kindes erfährt, wird sie stutzig: Es ist Royas jüngere Schwester. Vogl muss daran denken, wie ihr damals, als Roya eingeschult wurde, eine Unstimmigkeit in der Akte auffiel: Auf dem Anmeldebogen der Grundschule war bei Roya das "w" angekreuzt, für weiblich. Auf den späteren Formularen steht bei Geschlecht ein "m".

Damals war Vogl dieser Widerspruch nicht verdächtig vorgekommen. Es war die Zeit, in der die Flüchtlinge in Bussen ankamen, es herrschte Chaos in der Stadt. Die Anmeldeliste für die Flüchtlingsklasse wurde immer länger, die Lage immer unübersichtlicher. Formulare wurden falsch ausgefüllt, Namen gerieten durcheinander, es fehlte an Übersetzern.

Nun aber steht Elisabeth Vogl mit dem Läuseshampoo in der Hand auf dem Flur des Flüchtlingsheims und denkt: Was, wenn der Fehler in der Akte gar kein Fehler war?

Vogl beschließt, der Sache nachzugehen. Bei der nächsten Gelegenheit nimmt sie Royas Mutter zur Seite. Sie will wissen, warum Roya erst als Mädchen und dann als Junge eingetragen wurde. Die Mutter, erzählt Vogl, habe vorgegeben, die Frage nicht zu verstehen. Vogl wird misstrauisch. Und die Rektorin der Grundschule wird nervös. "Wir brauchten damals Gewissheit, ob Roya ein Junge ist oder nicht", sagt sie. "Aber wir konnten ihr ja nicht einfach die Hose runterziehen oder sie gegen den Willen der Eltern von einem Arzt untersuchen lassen."

Normalerweise werden Kinder in Deutschland vor ihrer Einschulung untersucht. Der Arzt prüft zum Beispiel, ob es bei den Jungs Anzeichen für eine Vorhautverengung oder eine Hodenfehlstellung gibt. Unmöglich also, dass ein Mädchen sich als Junge tarnt. Die Flüchtlingskinder aber wurden damals nicht untersucht, sondern direkt eingeschult. Die Rektorin bittet einen Mitarbeiter des Schulamts um eine rückwirkende Untersuchung für Roya. Der Beamte verweist sie ans Gesundheitsamt. Das Gesundheitsamt wiederum schickt sie zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Auch dort bittet die Rektorin vergeblich um Rat. Die Reaktion der Behörden sei immer dieselbe gewesen: Ein verkleidetes Mädchen? Irre Geschichte. Aber für so etwas sei man nicht zuständig.

Elisabeth Vogl lädt Royas Eltern zu einem Gespräch in die Schule ein, mit Übersetzer. Die Eltern erklären schließlich, Roya sei ein Mädchen, aber sie kleide sich gern wie ein Junge. Was sie nicht erklären: warum Roya "Sohn" und "Bruder" genannt wird, warum sie aufs Männerklo geht. Vogl hakt nach. Die Eltern weichen ihren Fragen aus. Sie weigern sich, die Sache zu erklären. "Dieses Gespräch hat mich vollkommen ratlos zurückgelassen", sagt Vogl. "Ich hatte keine Ahnung, ob das, was sie mir erzählten, stimmte."

Afghanistans verborgene Töchter

Elisabeth Vogl will verstehen, was es mit Roya auf sich hat. Und beginnt zu recherchieren. Sie klickt sich durch YouTube-Videos und Mediatheken, liest Artikel über Afghanistan und den schweren Stand, den Mädchen dort haben. Schließlich stößt sie auf das Buch einer Reporterin der New York Times, die jahrelang aus Afghanistan berichtet hat. Das Buch heißt Afghanistans verborgene Töchter. Es geht darin um Mädchen, die sich als Jungs verkleiden. Auf dem Einband wird ein Gedicht einer jungen Afghanin zitiert:

Gern wäre ich irgendwas auf dieser Welt

Nur keine Frau

Ich könnte ein Papagei sein

Oder ein Schaf

Ein Reh oder

Ein Spatz, der auf einem Baum lebt

Nur keine afghanische Frau

Das Buch erzählt von Mädchen, denen es verboten ist, das Haus zu verlassen. Die nicht Fahrrad fahren dürfen, nicht Fußball spielen, keinen Beruf erlernen – weil die Männer es ihnen nicht erlauben. Es geht darin außerdem um das Schicksal von Müttern, die keine Söhne gebären, sondern ausschließlich Töchter. In einigen afghanischen Familien gelten sie als ehrlos, werden von den Nachbarn bedroht und von ihren Männern verlassen. Einige dieser Mütter versuchen, ihre Ehre zu retten, indem sie den jüngsten Töchtern die Haare abschneiden und sie in Hosen kleiden. Sie machen aus ihnen Söhne. Bacha posch werden diese falschen Söhne in Afghanistan genannt, was so viel heißt wie "als Junge verkleidet". Es ist eine Art gesellschaftlich akzeptierter Schwindel, der erlischt, wenn die Pubertät einsetzt und aus den Mädchen Frauen werden – und der ihnen für ein paar Jahre jene Freiheiten schenkt, die sonst nur Jungs vorbehalten bleiben. Elisabeth Vogl kann nicht glauben, was sie liest. Sie muss an Royas Mutter denken. Die hat noch sechs weitere Kinder. Alle sechs sind Mädchen. Ist mit den Flüchtlingen auch dieser Brauch in ihre Stadt gekommen?

Im Sommer 2017 willigen die Eltern ein, Roya von einem Arzt untersuchen zu lassen. Er bescheinigt, was Vogl lange vermutet hat: dass Roya ein Mädchen ist. In den darauffolgenden Wochen führen die Lehrer und Sozialarbeiter lange Gespräche mit den Eltern. Erklären ihnen, dass Mütter, die keine Söhne gebären, in Deutschland nichts zu befürchten haben. Und Mädchen auch ohne Verkleidung dieselben Freiheiten genießen wie Jungs. Die Eltern hören schweigend zu.

Auch mit Roya versuchen die Lehrer zu reden.

Doch so eifrig sie am Unterricht teilnimmt, so abweisend reagiert sie, wenn jemand sie auf ihr Geschlecht anspricht. Vor den Sommerferien, am Tag der Zeugnisausgabe, nimmt Vogl ihr ein Versprechen ab: Im neuen Schuljahr gehst du nicht mehr aufs Männerklo. Dann kommst du als Mädchen. "Ich wollte ihr erklären, dass es in Deutschland toll ist, ein Mädchen zu sein", sagt Vogl. "Dass sie alles darf: Hosen tragen, Fußball und mit Buben spielen." Vogl hatte auf ein offenes Gespräch gehofft. Aber vor ihr stand ein verschlossenes Kind. "Es war kein Wort aus ihr herauszubekommen. Sie hat erst genickt, aber dann hat sie nur noch geweint. Nur Tränen, Tränen, Tränen."

Elisabeth Vogl wurde in den sechziger Jahren geboren, in einem kleinen Dorf in Baden. Kein Ort, der die Träume einer jungen Frau gedeihen ließ. Die Männer standen auf dem Acker, die Frauen am Herd. Elisabeth, eine gute Schülerin, bekommt nach der vierten Klasse eine Empfehlung fürs Gymnasium. Der Lehrer sagt, sie habe das Zeug zum Studieren. Der Vater sagt: Du nicht. Vogl aber setzt sich durch und macht ihr Abitur. Sie schreibt sich an der Pädagogischen Hochschule in Freiburg ein. Sie, das Mädchen vom Dorf, taucht ein in Hörsäle und Bibliotheken, in die Welt der Theorie. Und weil sie findet, dass Theorie ohne Praxis wertlos ist, geht sie auf die Straße. Demonstriert gegen den Nato-Doppelbeschluss und gegen die Unterdrückung der Frau.

Vogl hat für ihre Freiheit gekämpft. Sie betrachtet sie als kostbares Gut, das es zu bewahren gilt. Die Gewissheit, dass Mädchen im Deutschland des 21. Jahrhunderts dasselbe dürfen wie Jungs, sie gehört zu Vogls Heimatgefühl. Roya aber bringt diese Gewissheit ins Wanken. Sie rüttelt an Vogls Wertegerüst.

Einmal, erzählt Vogl, habe eine Mitarbeiterin der Stadt empfohlen, das Ganze nicht so eng zu sehen und "unter dem Genderaspekt" zu betrachten. Sei doch egal, ob ein Mädchen kurze oder lange Haare habe und ob es Rosa trage. Der Sozialarbeiter der Schule sagt, da habe er sich an den Kopf gefasst: "Es geht nicht darum, dass Roya rosa Sachen tragen soll. Überhaupt erst mal sein Geschlecht haben zu dürfen, das ist ja schon eine grundlegende Angelegenheit."

Fragt man Roya heute, ob sie sich als Mädchen fühlt oder als Junge oder vielleicht als irgendetwas dazwischen, senkt sie den Blick und schweigt.

In den Massenunterkünften halten sich die Werte aus den Herkunftsländern

Lange fragte sich Vogl, warum Royas Eltern an einem Brauch festhielten, der in Deutschland keinen Sinn ergibt. Dann wurde ihr klar, dass Royas Familie den Brauch nicht aus Afghanistan mitgebracht hatte, sondern erst hier in Deutschland damit begann – irgendwann in den Monaten zwischen ihrer Ankunft in Deutschland Anfang 2016 und Royas erstem Schultag. Vogl begriff, dass sich in der engen Unterkunft der Afghanen nicht nur die Kopfläuse der Kinder hartnäckig halten. Sondern auch die Wertvorstellungen einiger Erwachsener.

Seit Elisabeth Vogl das erste Mal mit Roya Samadis Mutter sprach, hörte sie aus deren Mund immer denselben Wunsch: raus aus dem Heim. Frau Samadi hat viel über die Unterkunft zu berichten, viel Schlechtes vor allem, aber sie fürchtet, dass ihr ein Gespräch mit der Presse schaden könnte. Schließlich aber stimmt sie einem Treffen mit der ZEIT zu. Ihre Bedingung: Sie und Roya sollen anonym bleiben. Und die Nachbarn aus dem Heim sollen von dem Gespräch nichts erfahren. Deshalb haben alle Menschen in diesem Text erfundene Namen, wird auch der Name des Ortes nicht genannt. Deshalb lässt sich – anders als bei den Aussagen der Lehrer und Sozialarbeiter – vieles, was Frau Samadi an diesem Abend erzählt, nur schwer oder gar nicht belegen. Es ist ihre ungeprüfte Sicht auf die Dinge.

Treffpunkt ist das Klassenzimmer der Flüchtlingsklasse, abends, nach Unterrichtsschluss. Eine Übersetzerin ist dabei und Frau Vogl, darum hatte Frau Samadi gebeten. Vogl stellt Dinkelkekse auf den Tisch. Frau Samadi wirkt aufgeregt. Sie trägt Jeans und ein locker gebundenes Kopftuch, sie rutscht auf ihrem Stuhl herum. Es ist einer jener Schulstühle, auf denen sie als Kind nie sitzen durfte. "Ich konnte nicht in die Schule gehen", sagt sie. "Die Nachbarn, die Gesellschaft, die Regierung, alle waren dagegen." Ihre eigenen Töchter aber habe sie zu Hause in Kabul zur Schule geschickt. "Sie haben lesen und schreiben gelernt. Und sogar Englisch."

Fragt man Frau Samadi, ob eine Frau dieselben Rechte haben sollte wie ein Mann, antwortet sie, ohne zu zögern: "Ja. Das ist ein Grund, warum wir nach Deutschland gekommen sind. In Afghanistan ist das so: Ein Junge ist wie Gold. Ein Mädchen ist wie ein Nichts." Sie erzählt, in ihrer Straße in Kabul hätten Männer gewohnt, die ihre ältesten Töchter heiraten wollten, gegen deren Willen. "Die Männer haben gesagt: Wenn wir was wollen, dann kriegen wir das." Das sei der Moment gewesen, in dem sie und ihr Mann beschlossen hätten, aus Afghanistan zu fliehen.

Als Frau Samadi vom Hindukusch ins Alpenvorland kam, in das Flüchtlingsheim voller Afghanen, da ahnte sie nicht, dass sie auf Menschen treffen würde, die ganz ähnliche Vorstellungen haben wie jene, vor denen sie einst geflohen war. "Neben uns wohnt eine afghanische Familie. Der Vater beleidigt mich, weil ich nur Töchter habe. Ich sage immer: Hör auf, wir sind in Deutschland, ich will keinen Streit! Er hört nicht auf. Einmal bin ich ausgerastet und hab ihn mit meinen Hausschuhen geschlagen." Frau Samadi wischt sich Tränen aus den Augen. Einmal hätten die Söhne des Mannes ihre Töchter geschlagen. Da habe sie die Polizei gerufen.

Sozialarbeiter, die in der Unterkunft arbeiten, bestätigen, dass dort oft die Polizei vorfährt, weil die Bewohner so heftig streiten. Elisabeth Vogl erzählt, die afghanischen Kinder hätten sich so häufig geprügelt, dass sie auf die Klassen verteilt werden mussten. Der Sozialarbeiter mit der Nickelbrille sagt: "Die afghanischen Familien haben sich auf dem Schulhof gestritten wie die Bürstenbinder. Bei denen prallen die unterschiedlichsten Wertvorstellungen aufeinander. Wir Sozialarbeiter verstehen die Konflikte oft nicht. Die zu lösen, das ist eine Mammutaufgabe." \Frau Samadi erzählt, in Afghanistan habe Roya ihr Haar offen getragen. "Sie hatte schönes langes Haar, bis hier." Samadi tippt mit der Außenkante ihrer Handfläche an ihren Oberarm, etwas unterhalb der Schulter.

Wer hat Roya die Haare abgeschnitten?

"Das war ich." Frau Samadi weint. Der Druck der Nachbarn sei einfach zu groß gewesen.

In den vergangenen Jahren hat der deutsche Staat Tausende Lehrer eingestellt, um Flüchtlingskindern wie Roya den Start in Deutschland zu erleichtern. Hunderttausenden Flüchtlingen hat die Bundesrepublik einen Integrationskurs angeboten. Sie haben in diesem Kurs deutsche Vokabeln studiert und deutsche Grammatik, sie haben gelernt, was der Bundesrat ist und wie die Grundrechte lauten.

Grundgesetz, Artikel 3, Absatz 2: Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

Absatz 3: Niemand darf aufgrund seines Geschlechtes benachteiligt oder bevorzugt werden.

Die Familie lebt heute in einem Land, in dem Frauen vor dem Gesetz gleichberechtigt sind. Aber in einem Haus, in dem diese Gesetze nichts gelten. Frau Samadi sagt, außer zu Elisabeth Vogl und ihrer Sprachlehrerin habe sie keinen Kontakt zu Deutschen. "Warum lernen Sie nicht ein paar kennen?", fragt Vogl. "Im Frauencafé zum Beispiel?" Das Frauencafé ist eine Runde mit Kaffee und Kuchen, die einige Bürger der Stadt für geflüchtete Frauen veranstalten. Samadi sagt, die Ehrenamtlichen seien sicher nett, aber sie könne da nicht hin, weil sie Gefahr laufe, ihre Nachbarin aus dem Heim zu treffen. Mit der habe sie schon genug Streit. "Sie war vor Kurzem schwanger. Sie kam in die Küche, hat mir ihren Bauch gezeigt und gesagt: Wenn das ein Mädchen wird, töte ich es."

Elisabeth Vogl sagt, Integration passiere nicht im Integrationskurs. "Die passiert, wenn wir anfangen, miteinander zu leben." Wie schwer dieses Miteinander manchmal sei, wie oft es sie an ihre Grenzen bringe, das habe sie anfangs nicht geahnt.

Integration passiert nicht im Integrationskurs

Heute, nach zwei Jahren in Deutschland, sieht Roya Samadi immer noch aus wie ein Junge. Aber sie geht jetzt aufs Frauenklo, darauf hat sie sich mit Elisabeth Vogl geeinigt. Die Mitschüler wissen mittlerweile, dass Roya ein Mädchen ist. In der ersten Stunde nach den Ferien hat Vogl sie im Stuhlkreis versammelt, hat Roya in den Arm genommen und den anderen erklärt, was es mit der Verwandlung auf sich hat. Vogl hat auch die Eltern der Mitschüler informiert. Verwirrung aber gibt es bis heute.

Als die Schulglocke läutet, wechselt Roya in den Raum der 2 b, in eine Regelklasse mit deutschen Kindern – weil ihre Sprachkenntnisse gut genug sind, um dem Unterricht halbwegs zu folgen. Die Lehrerin legt ein Gedicht auf den Projektor. Roya lernt in dieser Stunde, was ein Reim ist und dass der kleine Strich, der hinter manchen Wörtern steht, Komma heißt. Sie ist schüchterner als in der Flüchtlingsklasse, aber sie schreibt aufmerksam mit. Sie sitzt ganz hinten, neben einem Mädchen mit blondem Zopf und einem Jungen mit gegeltem Pony. Als die Stunde vorbei ist, schultert der Junge seinen Turnbeutel und zeigt auf Roya.

"Kommt der mit zum Sport?", fragt er.

Das Mädchen mit dem blonden Zopf antwortet: "Ey, das ist ein Mädchen!"

Der Junge tippt sich an die Stirn. "Der ist ein Junge, das sieht man doch!"

Das Mädchen schüttelt den Kopf: "Die kommt aus einem Land, da denken die Eltern, dass es schlecht ist, wenn man ein Mädchen ist, deshalb zieht sie sich wie ein Junge an."

Roya kramt in ihrem Schulranzen. Ihr Deutsch ist gut genug, um alles zu verstehen. Aber sie tut so, als höre sie die beiden gar nicht.

Im Frühjahr 2017, als der Schwindel um Royas Geschlecht aufflog, führte Deutschland eine hitzige Debatte. Es ging um die Frage, welche Werte ein Flüchtling in Deutschland anerkennen soll. Innenminister Thomas de Maizière hatte in der Bild- Zeitung einen Artikel veröffentlicht, er wollte damit eine Diskussion über die "deutsche Leitkultur" anregen. "Wir sind nicht Burka", schrieb er. Seine Kritiker schrieben: "De Maizière fischt am rechten Rand".

Elisabeth Vogl sagt, die Debatte habe sie genervt, vor allem habe sie niemandem geholfen. Helfen würde in Vogls Augen, wenn Royas Familie nicht auf engem Raum mit anderen Afghanen leben würde. Sondern in einer Wohnung mit deutschen Nachbarn. "Die sitzen alle auf einem Haufen, deshalb haben sich die alten Werte aufrechterhalten". Die Schuldirektorin findet: "Diese Methode der Unterbringung ist gegen die Integration."

Bis heute wohnen in Deutschland Zehntausende Flüchtlinge in Sammelunterkünften, viele davon noch deutlich größer als das Heim der Samadis. 2017 verabschiedete die Bundesregierung ein Gesetz, das es dem Staat erlaubt, sie bis zu zwei Jahre in Großlagern unterzubringen. Mitte Januar einigten sich Union und SPD darauf, solche langfristigen Massenheime bald in ganz Deutschland auszubauen.

In der vierten Stunde hat Roya Sport. Die Schüler versammeln sich auf dem Schulhof, unter einem alten Ahornbaum. In Zweiergruppen sollen sie immer abwechselnd große Runden laufen, insgesamt zwölf Minuten lang. Die Kinder wuseln durcheinander und suchen sich einen Partner. Mädchen tun sich mit Mädchen zusammen, Jungs mit Jungs. Die Pärchen stehen Hand in Hand unter dem Baum und warten darauf, dass die Sportlehrerin in ihre Trillerpfeife pustet. Ein Kind bleibt übrig. Es ist Roya.

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