Als Arno Geiger sein Buch Unter der Drachenwand im Wiener Akademietheater vorstellte, gab er ein Fernsehinterview. Er sagte: "Das erste Mal, als ich mich frei gefühlt habe, war beim Fahrradfahrenlernen, als ich gemerkt habe, dass man mich hinten nicht mehr hält. Ich bin erschrocken, als ich gemerkt habe, der Papa rennt nicht mehr hinterher. Im Fahrtwind bin ich, solange es ging, geradeaus gefahren. Ja, das ist doch Freiheit!"

Freiheit ist ein beängstigend komplizierter Begriff, aber ohne solche "naive" Grunderfahrungen bleibt die Freiheit abstrakt. Sie ist dann ein guter Grund zum Streiten, wirkt aber hochtrabend und seelenlos. Man lese: Philipp Schinks Freiheit. Zeitgenössische Texte zu einer philosophischen Kontroverse. Man möchte der Freiheitseuphorie frönen, aber schon erinnert der Herausgeber daran, dass die Freiheit militärische Interventionen legitimiert hat. Einmarschieren, um die Freiheit zu bringen, gehört zu den Widersprüchen der Politik. "Freiheit" spielt auch eine Rolle beim Abbau sozialstaatlicher Leistungen, niemand soll, heißt es, in der "sozialen Hängematte" durchs Leben kommen. Er soll von seiner Freiheit Gebrauch machen und der Allgemeinheit nicht zur Last fallen. Auch in der Kulturpolitik kann man vorschützen, es gehe um die Freiheit der Künstler, wenn man Fördergelder streicht. Machten Subventionen nicht unfrei, abhängig von der Politik?

Und überhaupt Freiheit – schafft sie nicht "Möglichkeitsräume", in denen sich keiner mehr auskennt? Freiheit führe "zu Verlorenheit und Orientierungslosigkeit. Diese befördere ein narzisstisches Um-sich-selbst-Kreisen und setze die Individuen zugleich unter einen Selbstverwirklichungsstress."

Das könnte man mit dem Gemeinplatz parieren, Freiheit habe eben ihren Preis. Aber in der Diskussion über Freiheit, die dieses Buch dokumentiert, kommen ungeahnte Härten vor. Friedrich August Hayek entwarf eine "anti-marxistische" Theorie: Ein Mensch, den widrige Umstände dazu bringen ("zwingen" – bei Hayek unter Anführungszeichen), eine widerwärtige Beschäftigung bei geringem Lohn anzunehmen und sich der Gnade eines Unternehmers auszuliefern, sei keineswegs in seiner Freiheit beschränkt. Das wäre er nur, würde ihn jemand zu bestimmten Handlungen und Unterlassungen zwingen. Aber so ist die Lage des Armseligen, was seine Freiheit betrifft, keine andere als die infolge einer "Naturkatastrophe": "eines Feuers oder einer Überschwemmung, die sein Heim zerstören, oder eines Unfalls, der seine Gesundheit schädigt".

Ein heikler Punkt: ein Liberalismus, der sich auf "die Natur" beruft und sich gemeinmacht mit der Katastrophenideologie, als deren Antithese er erscheinen möchte.

Philipp Schink (Hrsg.): Freiheit. Zeitgenössische Texte zu einer philosophischen Kontroverse; Suhrkamp Verlag, Berlin 2017; 521 S., 22,– €