Als Schiedsrichter muss ich ein Spiel unter Kontrolle haben. Kürzlich hatten sich zwei Jugendspieler in den Haaren, und ich zog einen an der Schulter weg. Er schrie, ich solle ihn nicht anfassen. Da sagte ich: "Ich will doch gar nichts von dir." Das war mir sofort peinlich, weil er es bestimmt nicht so gemeint hatte. Allerdings wissen die meisten Spieler auch, dass ich auf Männer stehe.

Homosexualität wird im Fußball eigentlich totgeschwiegen. Und so war es zunächst auch bei mir. Bei meinem alten Verein FC Bremerhaven war ich Betreuer, dort habe ich mich nie geoutet. Ich hatte einfach keine Lust auf Diskussionen. Außerdem hatte ich keine Ahnung, wie mein damaliger Vorstand reagieren würde. Ich dachte mir einfach: Leistung zählt, nicht das Privatleben. Deswegen habe ich damals nichts gesagt. Und wenn wir in der Kabine über unsere Frauen gesprochen haben, habe ich einfach wie die anderen "meine" statt "meiner" gesagt. Niemand hat etwas bemerkt.

Dann wurde ich medizinischer Betreuer bei Galatasaray Bremerhaven, einem Verein, der sich 2013 neu gegründet hat. Viele Spieler dort haben ausländische Wurzeln. Ich habe in Gesprächen mit den Jungs immer wieder erwähnt, dass ich mal meinen Freund zu einem Spiel mitbringen werde. Ich hätte es total unpassend gefunden, mich in den Mittelpunkt zu stellen und eine "Ich bin schwul, und das ist auch gut so"-Rede zu halten wie Klaus Wowereit, der ehemalige Bürgermeister von Berlin. Aber ich wollte eben auch, dass es jeder weiß. In der Mannschaft war das überhaupt kein Problem.

Als ich schließlich Schiri wurde, war mir klar: Ich gehe ganz offen damit um. So ein Spielwochenende ist immer auch ein Kaffeekränzchen mit Klatsch und Tratsch, und nach dem ersten Wochenende wusste die ganze Liga Bescheid. Mit den Teams hat es nie Probleme gegeben, aber von den Zuschauern kommt hin und wieder ein Spruch wie "du schwule Schiri-Sau". Das kränkt mich schon. Ich sage mir dann, die wollen mich bloß reizen, und mache weiter meinen Job. Ich würde so etwas übrigens nie in den Spielbericht schreiben, weil der Heimatverein nichts für solche armen Würstchen kann.

Der DFB will rigoros gegen Homophobie im Fußball vorgehen, mit Geldstrafen und Spielsperren. Aber weil sich so wenige Fußballer outen, bleibt das Problem, das damit bekämpft werden soll, immer abstrakt. Ich glaube, dass Spieler und Vereine Homosexualität so wie in meinem Fall eigentlich akzeptieren würden. Nur der ein oder andere Zuschauer eben nicht.

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Protokoll: Benedict Wermter