Als John Flannery, der Chef des Mischkonzerns General Electric, vergangene Woche die jüngsten Ergebnisse des Unternehmens vorlegte, war das weltweit ein Aufregerthema. Die Chicago Tribune berichtete ebenso darüber wie die Tageszeitung The Australian und das indische Wochenblatt The Hindu. Der Konzernchef musste nicht nur einen Verlust von zehn Milliarden Dollar für die zurückliegenden drei Monate melden, sondern zudem einräumen, dass 15 Milliarden Dollar in der Bilanz fehlten. Nun ermittelt die amerikanische Börsenaufsicht.

Das allein wäre schon alarmierend genug gewesen, aber Flannery deutete noch weit Schlimmeres an: General Electric, kurz auch GE genannt, 125 Jahre alt und lange der Prototyp eines erfolgreichen Konglomerats und Mischkonzerns, könnte demnächst zerschlagen werden.

Gegründet 1892 von Thomas Edison, dessen Schreibtisch noch heute in der Lobby des GE-Forschungslabors in Schenectady nahe New York steht, ist General Electric eine amerikanische Ikone. Einst berühmt dafür, von der Glühbirne bis zum Kernkraftwerk so gut wie alle Industriegüter herzustellen, galt der Konzern lange als Beweis für die Überlegenheit der USA in Sachen Innovation, Management und globaler Präsenz. Immer wieder zeigte GE der internationalen Konkurrenz, darunter Siemens, wie man etwa bei Kraftwerken, Gasturbinen oder Computertomografen noch höhere Gewinne erwirtschaften konnte. Generationen von Siemens-Managern mussten sich den Rivalen aus den USA als Vorbild vorhalten lassen. Doch die Zeiten sind vorbei.

Zwar beeindruckt die Größe von GE noch immer: Die knapp 300.000 Mitarbeiter in 170 Ländern erwirtschafteten im vergangen Jahr einen Umsatz von 122 Milliarden Dollar. Das entspricht nahezu der Jahreswirtschaftsleistung von Ungarn. Trotzdem ist GE zum Paradebeispiel für die Gefahren geworden, die drohen, wenn Manager nur noch ein Ziel haben: in kürzester Zeit die maximale Gewinnsteigerung für Aktionäre zu erreichen – und dabei auch vor fragwürdiger Finanzakrobatik nicht zurückschrecken.

Dass nun die Börsenaufsicht ermittelt, ist nur das jüngste Anzeichen für die Zerrüttung des Traditionskonzerns. Die aktuelle Lücke von 15 Milliarden Dollar ist vor allem entstanden, weil GE schon vor Jahrzehnten die Kosten für damals akquirierte private Pflegeversicherungen zu niedrig angesetzt hatte – und nun für das Defizit aufkommen muss. Doch das ist nicht das einzige Problem des Konzerns, dessen Aktienkurs im vergangenen Jahr um 40 Prozent fiel. Im Dezember kündigte GE an, 12.000 Stellen weltweit zu streichen, davon 1.600 Jobs in Deutschland.

Die Ursachen für den Niedergang sind schon in den achtziger Jahren zu suchen. Damals regierte Präsident Ronald Reagan, ein strammer Verfechter des Laissez-faire-Kapitalismus. In den USA boomte die Wirtschaft. Zu den größten Stars unter den Managern gehörte damals Jack Welch, von 1981 an Chef bei GE. Seine Devise hieß fix, close or sell, zu Deutsch: "in Ordnung bringen, schließen oder verkaufen". Entsprechend rigoros sprang er mit Fabriken und Geschäftszweigen um, die seiner Meinung nach zu wenig Profit brachten. Weil dadurch quasi über Nacht ganze Belegschaften verschwanden und nur noch die Bürogebäude übrig blieben – wie nach der Zündung einer Neutronenbombe –, kam er zu seinem Spitznamen "Neutron Jack". Mehr als 100.000 Arbeitsplätze strich Welch in den achtziger Jahren.

Die Aktionäre dagegen verwöhnte er mit stetigem Gewinnwachstum. Das Wirtschaftsmagazin Fortune ernannte Welch zum "Manager des Jahrhunderts". Der Börsenwert von GE schoss während seiner Amtszeit um sagenhafte 4.000 Prozent in die Höhe, auch weil Welch aus dem Hersteller von Produkten wie Turbinen, Waschmaschinen und Generatoren einen Mischkonzern machte, der zunehmend Dienstleistungen erbrachte. So kaufte er für rund eine Milliarde Dollar nicht nur den Fernsehsender NBC, sondern expandierte auch ins Finanzgeschäft. Darunter leidet GE bis heute.