Rückenschmerzen? Kommen Sie im nächsten Quartal vorbei. Knieprobleme? Wir nehmen leider keine Patienten mehr an. So sieht der Alltag für Millionen von Menschen in Deutschland aus. Wer gesetzlich versichert ist und einen Termin beim Facharzt haben will, der wartet darauf nicht selten mehrere Wochen – jedenfalls deutlich länger als Privatpatienten (siehe Grafik).

Das soll anders werden, zumindest wenn die große Koalition zustande kommt. Für die Sozialdemokraten ist ein gemeinsamer Aktionsplan gegen die "Zwei-Klassen-Medizin" die zentrale Voraussetzung für ein neues Bündnis mit den Konservativen. Die CDU wiederum tut, was sie immer tut, wenn sie von der SPD mit einem populären Thema von links angegriffen wird: Sie kapert es. Bei der Gesundheitsversorgung von Kassenpatienten wolle natürlich auch seine Partei "Verbesserungen", sagt Unionsfraktionschef Volker Kauder.

Deshalb wird man sich in den Koalitionsverhandlungen aller Voraussicht nach darauf verständigen, dass Kassenärzte höhere Honorare erhalten – doch dass sich das Problem auf diese Weise lösen lässt, ist eher unwahrscheinlich. Die Honorarreform droht zu einem Fiasko zu werden, wie es zuletzt bei der Mietpreisbremse zu beobachten war: Die Politik weckt Erwartungen, die sie nicht erfüllen kann.

Dabei geht es durchaus ums Geld. Ein Arzt verdient an einem Privatpatienten schlicht mehr als an einem Kassenpatienten. Denn während die gesetzliche Krankenversicherung im Prinzip jeden aufnehmen muss, können sich die privaten Kassen ihre Mitglieder aussuchen. Deshalb sind überdurchschnittlich viele gesunde Gutverdiener privat versichert – und die Privatkassen können den Ärzten entsprechend höhere Honorare zahlen.

Die Frage ist nur, ob sich das ändert, wenn die Ärzte nun auch für Kassenpatienten mehr Geld bekommen, wie es die Koalition erwägt. Das hat mit einer Besonderheit bei der Abrechnung medizinischer Leistungen für gesetzlich Versicherte zu tun. In zwei Drittel aller Fälle erfolgt das über eine Pauschale. Eine Arztpraxis bekommt also immer dann, wenn ein Patient den Arzt aufsucht, für das laufende Quartal einen festen Betrag gutgeschrieben. Für alle weiteren Besuche im Quartal gibt es keine Vergütung mehr.

Private im Vorteil

Wartezeit auf Facharzttermin

Quelle: Kassenärztliche Bundesvereinigung 2017, Versichertenbefragung © ZEIT-GRAFIK

Wenn diese Pauschale zum Beispiel verdoppelt würde, dann würden die Ärzte zwar für den ersten Termin im Quartal mehr Geld bekommen, für alle anderen Termine aber wie bisher nichts. Die privaten Kassen hingegen rechnen ihre Leistungen einzeln ab – wenn ein Patient im Quartal fünfmal die Praxis aufsucht, bezahlen sie fünfmal. Die Folge: Für die Ärzte bleibt der Anreiz bestehen, Privatpatienten bevorzugt zu behandeln. Nun könnten zwar theoretisch auch die gesetzlichen Kassen zu einer Einzelabrechnung übergehen. Dann bestünde aber die Gefahr, dass Ärzte unnötig an ihren Patienten herumdoktern, weil es sich für sie rechnet. Das würde die Kosten in die Höhe treiben.