Diese Inventur hat Ende der achtziger Jahre selbst die Frauenaktivisten der Guerilla Girls überrascht. Sie zählten in der Abteilung für Moderne Kunst des New Yorker Metropolitan Museum of Art, wie viele Bilder von Künstlerinnen stammten. Das Ergebnis: weniger als fünf Prozent. Seitdem scheint viel passiert zu sein.

Inzwischen stammt jedes dritte Kunstwerk in deutschen Museen von Frauen, Werke von Künstlerinnen wie Cindy Sherman oder Marina Abramović gehören zu den Aushängeschildern großer Kunsthäuser, und an deutschen Kunsthochschulen stellen Studentinnen knapp die Mehrheit.

Nur eine Ungerechtigkeit ist noch in der Welt. Das zeigen neue Forschungsergebnisse: Auf dem internationalen Auktionsmarkt sind Werke von Frauen nur halb so viel wert wie die von Männern. Das hat ein Forschungsteam um Roman Kräussl von der Luxembourg School of Finance in einer großen Studie gerade nachgewiesen. Das Team wertete 1,5 Millionen Auktionsdaten aus 45 Ländern aus den Jahren 1970 bis 2013 aus. Die Werke von Künstlern wurden im Durchschnitt für 48.212 Dollar verkauft, die von Künstlerinnen für 25.262 Dollar. Zum Teil entsteht dieser Unterschied, weil Rekordsummen fast nur für Werke von Männern ausgegeben werden. Aber auch im mittleren Preissegment gibt es eine deutliche Geschlechterdifferenz.

Der für seine Provokationen bekannte Künstler Georg Baselitz hat dazu eine klare Meinung: Frauen könnten einfach nicht malen, behauptete er noch 2013 im Spiegel. Der Kunstmarkt würde es beweisen, der Markt lüge nicht. Das Luxemburger Forschungsteam machte es sich nicht so einfach. Die Forscher wollten herausfinden, ob Menschen den Wert eines Bildes anders einschätzen, wenn sie das Geschlecht des Künstlers kennen. In einem ersten Experiment sollten Teilnehmer der Studie anonymisierte Kunstwerke einem Geschlecht zuordnen und angeben, wie gut ihnen die Bilder gefallen. Die 58 Bilder stammten jeweils zur Hälfte von Frauen und Männern, trotzdem wurden mehr als 60 Prozent der Arbeiten Männern zugeschrieben. Und die Männern zugeordneten Bilder wurden höher bewertet. Auch in einem zweiten Experiment bewerteten die Teilnehmer Bilder, dieses Mal war ein Künstlername angegeben, mal männlich, mal weiblich. Was die Teilnehmer nicht wussten: Alle Arbeiten hatte ein Computer generiert. Werke, unter denen beispielsweise Peter Jones statt Petra Jones stand, erhielten bessere Bewertungen. Damit will Kräussl bewiesen haben, "dass die Werke nicht wegen ihrer Qualität unterschiedlich bewertet wurden". Seine Meinung: "Kunst von Frauen ist nur deshalb weniger wert, weil sie von Frauen stammt. Viele haben Vorurteile und unterschätzen deshalb die Werke von Künstlerinnen."

Insbesondere wohlhabende Männer tendieren den Untersuchungen zufolge dazu, Kunstwerke von Frauen geringer zu schätzen – und wohlhabende Männer sind die typischen Bieter auf Kunstauktionen. Aus Investorensicht spricht einiges dafür: Sie traben wie in einer Herde dem Trend nach und kaufen immer mehr vom Immergleichen. Anderes beobachtet Robert Ketterer, Inhaber des gleichnamigen Auktionshauses: "Ein Umdenken findet bereits statt. Kunst von Frauen ist seit ein paar Jahren groß im Kommen, die Preise steigen."

Doch noch ist der Kunstmarkt ein geschlossenes System: Teure Werke berühmter Künstler machen Museen bekannt und teuer, Maler und Bildhauer werden aber erst bekannt und teuer, wenn ihre Werke in berühmten Museen ausgestellt werden. Für Frauen hat die Preisdifferenzierung am Auktionsmarkt weitreichende Folgen. "Kunst von Frauen wird seltener in Galerien gezeigt, weniger prominent platziert und bekommt weniger mediale Aufmerksamkeit", sagt Dagmar Schmidt, Vorsitzende des Bundesverbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler. Ähnlich sei es bei Preisen und Stipendien, je höher sie dotiert seien, desto seltener erhalte sie eine Frau. Frauen, so erzählt es Schmidt, gelten als weniger flexibel. Und dann komme oft das Argument von Familienplanung und Schwangerschaft: "So fallen sie durchs Raster", sagt Schmidt. Das britische Auktionshaus Bonhams wollte vor zwei Jahren gegen dieses Ungleichgewicht vorgehen, indem es die Werke von Frauen in einer eigenen Sektion auflistete. Aber das brachte dem Haus Kritik ein. Es handele sich um "positive Diskriminierung", argumentierte die Kunsthistorikerin Anne-Marie Bonnet. Auch Dagmar Schmidt findet spezielle Frauenangebote schwierig. Sie könnten kontraproduktiv sein, weil sie die Geschlechterpolarität aufrechterhielten.

Was also tun, um das System zu durchbrechen? "Will man mit Kunst lediglich etwas verdienen, macht es Sinn, aufstrebende Künstlerinnen im Auge zu behalten und in diese zu investieren, in der Hoffnung auf eine Wertsteigerung", rät Kräussl. Für Künstlerinnen könnte es sinnvoll sein, Kooperationen mit der Industrie einzugehen, um den eigenen Marktwert zu steigern, sagt er. Künstlerinnen wie die Britin Sarah Morris machen das schon länger, sie designte Handtaschen für Longchamp. Auktionator Ketterer sieht die Museen in der Pflicht: "Sobald es große Retrospektiven gibt, steigt das Interesse der Sammler, und die Auktionshäuser können entsprechende Angebote machen." Wissenschaftler Kräussl empfiehlt den Auktionshäusern, schon vorher aktiv zu werden: mit blinden Auktionen, bei denen das Geschlecht nicht verraten wird. Dass solche Maßnahmen wirken, zeigte ein ähnliches Verfahren an einem anderen Ort: dem Sinfonieorchester. Nachdem einige Orchester in den USA das Blindspielen einführten, also das Vorspielen hinter dem Vorhang, stieg die Zahl der Musikerinnen in manchen Orchestern von fünf auf über 35 Prozent.