Es ist zu spät. Wiegen wir uns nicht in falschen Hoffnungen, verdrängen wir ihn nicht, den menschengemachten Untergang unserer Spezies. Die dringend gebotene Umkehr der Zivilisation, die seit der Jungsteinzeit auf Akkumulation und Ausbeutung natürlicher Ressourcen beruht, werden wir nicht mehr erleben. Das ist die ungeheuerliche Erkenntnis, die Gregory Fullers Essay zur Lage der Spätkultur-Menschen entwickelt.

Die darin genannten Fakten sind bekannt (Treibhauseffekt, Artentod, Überbevölkerung, blind handelnde Politiker et cetera). Jedoch in der Summe und in Fullers gedämpft apokalyptischem Ton wirken sie stärker und verstörender als der übliche Alarmismus. Dabei ist dieser Kassandraruf bereits 1993 erschienen, jetzt hat der Autor seine Positionen in zwei Kapiteln überprüft – ansonsten blieb der Text unverändert. Seine düstere Einschätzung von damals findet der 1948 geborene Lektor und Philosoph Fuller trotz einiger positiver Entwicklungen bestätigt. In einem Punkt allerdings sind seine Erwartungen übertroffen worden: Das Tempo der Zerstörung von Bio- und Atmosphäre hat sich potenziert. Das Ende ist immer noch gewiss, es kommt nur viel früher. Rechnen wir mit der zweiten Hälfte des 21. Jahrhunderts.

Ist es zynisch von ihm, den nahen Untergang zu proklamieren? Oder ist es nicht sogar noch zynischer, trotz aller verderblichen Entwicklungen auf der Hoffnung auf eine Zukunft für alle zu bestehen? Untergangsszenarios seien gefährlich, behaupten manche, sie produzierten Drückeberger und Depressive. Fuller setzt gegen diese Behauptung sein philosophisches Minimalprogramm. Es lautet: Der Tod ist sowieso unvermeidlich. Wer daran nicht denkt, um sich schützen zu können, so meint Fullers philosophischer Gewährsmann Montaigne, lebe verblendet und gleichgültig wie Vieh. Man müsse den Tod akzeptieren, fordert Montaigne, um Freiheit zu erlangen – und Fuller erweitert diesen Gedanken auf die gesamte menschliche Spezies: Er begreift das Ausleben auch der negativen menschlichen Möglichkeiten als Eigendynamik unserer Zivilisation. Nutzlos also, über den Zustand der Evolution in Verzweiflung zu geraten: Anders hätte es nicht kommen können.

Gerade diese heitere Hoffnungslosigkeit Fullers verhilft uns aber zu der Freiheit, nicht die Waffen strecken zu müssen. Allerdings meint Fuller damit zunächst keine gesellschaftliche Perspektive. Vielmehr gilt es, sich als Subjekt für ein Weiterleben auf Zeit einzusetzen: kleine Gesten, Menschenfreundlichkeit, mal ein Biotop retten. Eine Restmoral, die Fuller auch Helden- oder Idiotenmoral nennt, "da sie widersinnig Minimalakte vollbringt" – als einzig mögliches Verhalten, das die Selbstachtung gebietet.

Vielleicht bewirkt Fullers Ankündigung eines unabwendbaren Endes paradoxerweise das Gegenteil von Hoffnungslosigkeit. Und vielleicht ist genau dies einkalkuliert: dass die schockhafte Einsicht kollektive Wirkung hat. Denn gerade der Einzelne gibt die Vorstellung, dass es immer weitergehe, nicht so leicht auf.

Gregory Fuller: Das Ende. Von der heiteren Hoffnungslosigkeit im Angesicht der ökologischen Katastrophe; Felix Meiner Verlag, Hamburg 2017; 118 S., 16,90 €