Weil ich Jesidin bin und die Demokratie verteidige, erhalte ich Todesdrohungen, seit einigen Jahren schon. Die Drohungen betreffen aber nicht nur mich persönlich. Sie richten sich gegen das, was ich an Deutschland am meisten liebe und wofür ich als Kind von Migranten aus der Türkei dankbar bin: Freiheit. Eine große Kinokette wollte meinen Dokumentarfilm über die Verbrechen des "Islamischen Staates" nicht zeigen – aus Angst vor Anschlägen. Ein deutscher Bürger, der die Produktion des Films unterstützte, wollte im Abspann nicht namentlich genannt werden – aus Angst. Der Salafistenprediger Pierre Vogel unterstellte mir wegen meiner Kritik am Salafismus "Hass auf den sunnitischen Islam" – und machte mich damit zum Hassobjekt gewaltbereiter Islamverteidiger. Nicht wenige von ihnen kommen aus der Heimat meiner Eltern, aus der Türkei. Ich bin kein ängstlicher Mensch, aber ich spüre, wie in Deutschland immer mehr Angst geschürt wird.

Nicht nur von radikalen Muslimen. Auch von rechten Populisten und von sogenannten besorgten Bürgern. Sie sagen mir ins Gesicht, dass ich in "ihrem" Land nichts zu suchen hätte. Obwohl ich in Hannover geboren und aufgewachsen bin, gelte ich als Ausländerin, denn meine Eltern sind kurdische Jesiden aus der Türkei. Mein Vater kam als Gastarbeiter und als Angehöriger einer alten religiösen Minderheit, die verfolgt wurde, aber nicht erst heute im Irak, nicht nur damals in der Türkei, immer. Mein Vater Seymus, der im Deutschland der siebziger Jahre die Anerkennung der Jesiden als verfolgte Gruppe erstritt, sagt gern: "Wir haben uns ins Grundgesetz hineingerettet!" Ich glaube, dieses Grundgesetz ist heute bedroht durch die Angstmacher.

Ich nenne sie die bösen Zwillinge Islamismus und Rechtsradikalismus. Sie bedrohen alle, die anders und anderer Meinung sind als sie. Sie bedrohen Politiker und Journalisten. Sie bedrohen Juden. Sie bedrohen Nichtmuslime, weil sie nicht Muslime sind, und Muslime, weil sie Muslime sind. Sie bedrohen Migrantenkinder wie mich – weil man uns entweder für "ungläubig" hält oder aber für "undeutsch".

Dagegen hilft es nicht, zu jammern. Es hilft auch nicht, sich wegzuducken. Viele in diesem Land trauen sich nicht mehr, ihre Meinung zu äußern. Andere begeben sich in Lebensgefahr, weil sie auf der Meinungsfreiheit bestehen. Es wird Zeit, dass wir diese Freiheit verteidigen, auch wir neuen Deutschen. Statt uns auf unsere Herkunftskultur zu besinnen, sollten wir wertschätzen, weswegen unsere Eltern nach Deutschland kamen und heute so viele Flüchtlinge kommen: nicht nur wegen des Wohlstands, sondern um freier zu leben.

Es ist in der Integrationsdebatte heute populär, sich auf seine Herkunft zu berufen, gern auch auf seine Religion. Vor allem die Islamverbände haben das aufgegriffen und tun so, als hieße Migrant sein Muslim sein – und sie selber seien als Experten für Religion auch Experten für Integration. Ich wünsche mir andere Fürsprecher. Denn ich habe gesehen, was übertriebener Religionsstolz und mangelnde Religionsfreiheit zur Folge haben: Hass auf Andersgläubige. Ich habe den Genozid an den irakischen Jesiden gefilmt. Gerade das hat mir Mut gemacht, unseren Rechtsstaat zu verteidigen, der allein die Freiheit garantiert und den Frieden. Darum wünsche ich mir eine Integrationspolitik, die nicht auf den Glauben der Migranten und ihrer Kinder fixiert ist. Ich wünsche mir weniger Bekenntnis zur Religion und mehr Bekenntnis zur Freiheit. Von den neuen Deutschen ebenso wie von den alten. Und von den neuesten Deutschen auch!

Ich finde unseren Umgang mit Flüchtlingen und Migranten oft naiv. Wir hoffen, dass sich unsere Gesellschaft mehr und mehr pluralisiert, aber verschließen die Augen vor Fluchtursachen, die auch hier zu Konflikten führen können, etwa die mangelnde Einübung in religiöser Toleranz. Zugleich hat sich die Ansicht durchgesetzt, dass Integration hauptsächlich eine Religionsgruppe betrifft, nämlich Muslime. Das ist ein Fehler. Integration geht uns alle an. Mich stört schon die Frage, die mir in den letzten Jahren immer öfter und immer aggressiver gestellt wird: Was willst du als Jesidin eigentlich zum Thema Islam sagen?

Nun, als Angehörige einer religiösen Minderheit, die in ihrer islamischen Herkunftskultur immer wieder zur Zielscheibe von Massakern wurde, habe ich zum Islam sehr viel zu sagen. Wie man Widerständigkeit kultiviert. Wie man sich Respekt verschafft. Und was es heißt, Minderheit in einer Mehrheitsgesellschaft zu sein. Das ist auch die Situation der Muslime in Deutschland, mit dem Unterschied, dass unser Land eine stabile Demokratie ist. Gott sei Dank! Gerade deshalb möchte ich nicht, dass Migranten oder Migrantenkinder nach Religionszugehörigkeit auseinanderdividiert werden.

Ich möchte auch nicht, dass die Freiheit sich rechtfertigen muss gegenüber der Religion. Die Kritik vieler Migranten an ihrer Situation im Westen mag zutreffend sein, die Ablehnung der westlichen Werte ist noch lange nicht legitim. Anders gesagt: Die Menschen, die hierher kommen, sollten sich zuerst in unsere demokratische Gesellschaft integrieren, nur dann können sie sie auch zum Besseren verändern. Damit das gelingt, muss Integrationspolitik ehrlicher sein. Sie muss nicht nur Integrationshindernisse auf deutscher Seite, sondern auch Integrationsunwillen von Neudeutschen benennen.

Ich habe früh gelernt, warum Integration wichtig ist. Mein Vater arbeitete in Deutschland zunächst am Fließband, dann als Fliesenleger, aber bald wurde er aktiv in der SPD, um das Schicksal seiner Familie im neuen Land mitzugestalten. Nachdem er seine Frau und seine beiden ältesten Kinder nachgeholt hatte, kam ich zur Welt, 1978 in Hannover. Ich war das erste deutsche Kind in der Familie. Meine Eltern waren stolz darauf, dass ich im Kindergarten die deutsche Sprache erlernte und diese bald besser sprach als sie. Für meine Eltern war ich das Kind, das sie mit Deutschland verband.