Verehrte Leserschaft, ich bin 35 Jahre alt. "Nicht alt", werden Sie vielleicht sagen, vielleicht aber auch "nicht jung". Darf ich beidem zustimmen? Ich bin weder das eine noch das andere und somit gewissermaßen blockfrei in einer neuen Konfrontation zwischen Alt und Jung.

Die ging los mit Kevin Kühnert, dem Juso-Chef, der ja ausschaut wie ein Halbbruder des Schriftstellers Daniel Kehlmann. Kühnert ist erst 28 Jahre alt. Nun beklagte er sich kürzlich auf Twitter darüber, dass man ihn im Fernsehen auch gefragt hätte, ob er denn in einer WG wohne, statt ihm bloß Fragen zur Politik zu stellen. Und in den Talkrunden, zu denen Kühnert derzeit oft geladen ist, weil er eine der Führungsfiguren jenes SPD-Flügels darstellt, der gegen eine große Koalition ist, wird er von den älteren Mitdiskutanten gern als "der junge Mann" bezeichnet.

Es ist gewiss nicht bloß Empfindlichkeit, wenn Kühnert und ein paar jüngere Kommentatoren nun meinen, mit derlei Fragen und Bezeichnungen werde an der Legitimität seiner Position gegraben. Im Sinne von: "Sie haben natürlich ein Recht auf eine Haltung, aber Ihr Alter verringert deren Wert."

Kühnert setzte unter seinen Beschwerde-Tweet den Hashtag #diesejungenleute. Der Hashtag trendete bei Twitter, und allerlei junge Menschen, auch viele junge Politiker, twitterten nun darüber, wie ermüdend es sei, wegen der eigenen Jugend nicht für voll genommen zu werden. Und dann ging es auf einmal auch so richtig ans Eingemachte. Es wurde Grundsätzliches gesprochen, so zum Beispiel durch den Komiker Shahak Shapira, der erklärte, dass alle Weltkriege von alten Menschen gestartet worden seien, oder durch den Erzblogger Sascha Lobo, der erklärte, die Welt der jungen Leute sei einfach die "bessere". Stimmt das?

Natürlich nein, das ist selbstverständlich unglaublicher Stuss. Alexander der Große: 21, als er seinen ersten großen Feldzug begann. Himmler: 29, als er an die Spitze der SS gestellt wurde. Die Attentäter von Paris: bis auf eine Ausnahme alle unter 30. Die Liste junger (männlicher) Krieger und Verbrecher ließe sich lange fortführen, aber ich will Sie nicht langweilen. Klar jedenfalls, dass aus der Tatsache, dass man als junger Mensch nicht für voll genommen wird, noch lange nicht folgt, man habe recht oder sei gar der bessere Mensch.

Grosso modo gilt halt, dass junge Menschen oft für Veränderungen sind, alte Menschen hingegen zum Erhalt des Bestehenden tendieren. Das erklärt sich relativ elegant aus der Tatsache, dass junge Menschen in der Regel noch nicht viel haben, alte Menschen dagegen in der Regel schon alles, was sie überhaupt besitzen werden. Besitzwahrenwollen ist ein nachvollziehbares, aber sicher kein ehrenwertes Motiv. Junge Menschen denken in der Regel idealistischer. Zugleich, ihr jungen Leute, gibt es so etwas wie den Luxus, noch nicht für so viele oder vieles Verantwortung tragen zu müssen, wie das ältere Leute oft tun müssen.

Sind also die Alten die besseren Menschen? Auch nicht! Die Alten, gerade die, die viel Verantwortung haben, kommen ihr oftmals nur kläglichst nach. Sogar wenn es bloß um Bestandsbewahrung geht: Hallo, der Planet schmiert gerade ab, aber Klimaziele werden reihenweise gerissen.

Ich dachte, dass die Pointe dieses Textes darin bestehen müsste, dass ich am Ende sage: Alt und Jung taugen nichts, alle Macht für die Weder-nochs, die 35-Jährigen, also für mich, hahaha. Dann wurde mir bewusst, dass Christus nur 33 Jahre alt wurde, dass Justin Bieber hingegen auch irgendwann 35 Jahre alt sein wird, und Kim Kardashian war vor zwei Jahren 35.

Das Alter, stellt sich wenig überraschend heraus, besagt wenig über den Verstand eines Menschen. Wie wäre es also mit ein wenig Dialektik? Jung kann nicht ohne Alt gedacht werden, der Impuls braucht den Widerstand, das Alte das Neue. Der junge Herr Kühnert sollte also zwar ernst genommen werden, sich aber auch nicht so aufregen. Er wird, so Gott will, irgendwann noch ein Alter werden, wie die Juso-Vorsitzenden Schröder und Nahles vor ihm. Die Zeit heilt alle Wunden, um dann ein paar neue zu reißen.

Kevin Kühnert - Wie wollen Sie die große Koalition noch verhindern? Juso-Chef Kevin Kühnert hält eine weitere große Koalition für rückschrittlich – und geht deshalb auf NoGroko-Tour. Ein Videointerview © Foto: Ana-Marija Bilandzija für ZEIT ONLINE